Scherben der Vergangenheit
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Ilayda bint Zhaabiz - Ein Funke kann ein Feuer entfachen  RSS feed
Forum Index » Die Stämme des Südens
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Ilayda bint Zhaabiz


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Joined: 19.04.2019 00:05
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Prolog

„Die Wüste ist ein lebendiges Wesen. Sie verändert sich ständig und so manches Geheimnis liegt in ihr verborgen. Einige von ihnen werden niemals und andere sollten niemals gelüftet werden.“
Warnende Worte eines Weisen an einen tollkühnen Abenteurer.

Der Wüstenwind strich sanft über die in Fetzen herabhängenden Reste dessen, was einmal mehrere Zelte gewesen sein mochten. Einige Pfähle standen noch aufrecht, andere waren zerbrochen und lagen herum. Von dem Feuer, welches einmal in der Mitte des Zeltlagers gebrannt haben mag, war nicht mehr zu sehen als verkohlte Äste. Es würde nicht mehr lange dauern und die Wüste würde die letzten Spuren des Lagers verschlungen haben und damit alle Hinweise darauf, was hier geschehen seien mochte.
Irgendwo hinter einer Düne erklang das Heulen eines Wüstenhundes, ein anderer antwortete ihm. Ein weiterer Windstoß wirbelte den Sand zwischen den Lagerresten auf, tanzte um die Überreste menschlicher Körper, die hier gewaltsam ihr Ende gefunden hatten. Zumindest die Aasfresser würden in dieser Nacht reichlich Nahrung finden.
Das angesengte Stück einer Seite flog davon und würde mitsamt dem darauf Geschriebenen für immer in den Weiten der Wüste verschwinden:

„Ilayda bint Zhaabiz geboren im Lunasdal des Jahres 666“

Kapitel 1: Gefangen, verschleppt und verkauft

„Der Handel mit Sklaven ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Wir bieten eine Ware feil und je exotischer sie ist, desto mehr verlangen wir für sie. Und Du meine Kleine, wirst mir ein hübsches Sümmchen einbringen.“
Abschiedsworte Denbars, Anführer der Krähenkrallen, an Ilayda.

Zwei Frauen, eine davon ihre Mutter, ein Junge an der Schwelle zum erwachsen werden und Ilayda waren die Einzigen, welche den Überfall der Sklavenjäger überleben sollten. Wie Gepäckstücke waren sie verschnürt und auf die Rücken der Pferde geworfen worden, bevor die Gruppe mit ihnen unbekanntem Ziel aufbrach.
Drei Tage später hatten sie die Wüste und Berge hinter sich gelassen und waren in einem kleinen Dorf an der rauen See angekommen Ilayda hatte bislang nur vom Meer gehört, es selbst jedoch noch nie zu Gesicht bekommen und unter anderen Umständen, hätte es ihr sicherlich den Atem verschlagen. Die Naturgewalt des Wassers in seiner Wildheit, doch die Männer ließen ihr kaum genug Zeit um dieses Wunder zu bestaunen.
Die Gefangenen wurden über einen alten Steg zu einem ebenso wenig vertrauenerweckendem Schiff gebracht. Ein breitschultriger Seemann rief den Männern etwas zu, was diese mit freudigem Gelächter beantworteten. Die beiden Kinder wurden unter Deck gebracht. Sie erwartete ein weit gnädigeres Schicksal als die beiden Frauen auf der vor ihnen liegenden Reise.
Anfänglich hörten die beiden Kinder noch die Stimmen der Frauen, wie sie schrien oder um Gnade für sie und ihre Kinder flehten. Ilayda hatte ebenfalls geschrien, geweint und den Wächter angefleht ihre Mutter zu ihr zu lassen. Der Junge hatte es gewagt selbigen in seinem Zorn sogar anzugreifen und nur ein Augenblick früher und er hätte den Säbel zu fassen bekommen. Nun lag er gefesselt neben ihr und atmete flach. Die Augen waren zugeschwollen, die Lippe aufgeplatzt und einige Zähne abgebrochen.
Es war ein ungleicher Kampf gewesen. Der Wächter hatte sich nicht zurückgehalten und seine Überlegenheit in jeglicher Hinsicht gezeigt um dem Jungen, und damit auch ihr, eine Lektion zu erteilen, darüber was sie erwarten würde, sollten sie es noch einmal wagen aufzubegehren.
Die erste Nacht hatte Ilayda geweint doch nun waren ihre Augen trocken. Sie konnte nicht mehr weinen. Wie viel Leid vermag ein Kind zu ertragen und ab wann erstickt die Flamme einer Kerze oder wird zu einer Feuersbrunst? In Ilayda entstand in dieser Nacht ein Funke, welcher eine Flamme entfachen würde.
Nur anhand der Mahlzeiten hätten die Kinder zählen können wie lange sie unterwegs waren, bevor sie in einem unbekannten Hafen anlegten. Als sie dass erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder den Himmel sah, war dieser wolkenverhangen. Regen fiel in einer Menge zu Boden und durchnässte ihre Kleidung, wie sie es nur aus der Regenzeit kannte, doch diese lag noch in weiter ferne.
Zwei Schritte vor ihr lief der Junge, beiden von ihnen hatte man einen Eisenreif um den Hals gelegt und die beiden mit einer Kette verbunden. Zwei weitere Manschetten waren um ihre Handgelenke geschlossen worden.und weitere Ketten verbanden das Halsband, wie der Wächter es spöttisch genannt hatte mit den Armreifen.
Im Fackelschein konnte sie alte Mauern erkennen. Modriger Geruch stieg aus dem Hafenbecken in ihre Nase und die Sklavenhändler stießen sie unsanft vorwärts. Die Bohlen, welche das Schiffsdeck mit dem Pier verbanden, waren schwarz und vom vielfachen begehen ausgetreten. Bei jedem Schritt hatte Ilayda das Gefühl sie würden unter ihr nachgeben. Für einen Augenblick keimte die Hoffnung in ihr, ihre Mutter zu sehen, doch jeder Versuch sich umzudrehen wurde mit einem weiteren Stoß in ihren Rücken unterbunden.
Vom leisen klirren der Ketten begleitet stolperte sie mehr als dass sie lief dem Jungen hinterher, vorbei an Gebäuden, welche sie in dieser Art noch nie gesehen hatte. Alter, grauer, unbehauener Stein mit von Moos überwucherten Fugen zusammengehalten. Schwere mit rostigen Eisenbeschlägen versehene Türen und Fenster, welche mit stumpfem Glas verschlossen waren.
Kein Licht oder Laut drang aus dem Inneren der Häuser nach draußen und wenig später bogen wurden ihre Schritte in eine schmale Gasse gelenkt. Worte waren während der ganzen Zeit nicht gewechselt worden, eine jeder der Männer, welche sie führten kannte seine Aufgabe und den Weg. Sie hielten neben einer hinabführenden Treppe an. Nur einer der Männer ging hinab und klopfte an, ein Sichtschlitz wurde zurückgeschoben, unverständliche Worte gewechselt und kurz darauf wurden die Verschleppten die Treppe hinunter geführt.
Der Gang vor ihnen war nicht sonderlich lang. Vor ihnen lief nun ein Mann mit einer Kerze und führte die Gruppe in den nächsten Raum. Eine Treppe führte sie noch tiefer unter die Erde. Sie wurden durch feuchte und dunkle Gänge geführt, weit länger als jedes Haus war, an dem sie auf dem kurzen Weg vorbeigekommen waren.
Aus der Dunkelheit vor ihnen erklang ein scharfer Befehl: „Stehen bleiben, wer da?“ „Denbar. Lasst die Armbrust sinken und macht den Weg frei. Ich will vor dem Morgengrauen wieder fort sein.“ „Ihr wart lange nicht mehr hier Denbar. Ich hoffe ihr habt nicht vergessen, dass ihr Gelmin noch einen Burschen schuldet, nachdem ihr seine letzte Investition niedergestochen habt.“ „Ich bin nicht mit leeren Händen hier. Gelmin bekommt sein Frischfleisch und ich habe noch mehr mitgebracht. Die Fleischschau hat noch nicht begonnen?“ „Die letzten Interessenten werden in kürze eintreffen.“ „Gut. Wir gehen weiter.“
Der Mann mit dem Denbar gesprochen hatte verschwand ungesehen wieder in einer Nische und ließ die Gruppe passieren. Sie bogen noch einmal ab und betraten einen Keller in dem schummriges Licht herrschte. „Bringt den Knaben zu Gelmin. Wir brechen auf, sobald sie verkauft ist.“
Der Junge wurde durch eine Tür fortgebracht, wenig später öffnete sich eine zweite an einer anderen Seite des Raumes. „Bringt eure Ware raus Denbar.“, der Besitzer der Stimme war nicht zu sehen, doch kaum das die Tür wieder geschlossen war, näherte sich der Anführer der Krähenkrallen seiner Gefangenen.
Sie war als Ware bezeichnet worden, wie ein Stück Stoff oder Nahrung auf einem Basar. Tränen hatte sie keine mehr übrig, nur blanker Hass für die Männer, die sie verschleppt hatten und Furcht war ihr geblieben. Sie wollte zurückweichen, doch die Hand des Mannes war schneller und packte sie am Kiefer. Unsanft drehte er ihren Kopf zu sich und zwang sie dazu ihn anzusehen.
Trotzig blickte sie ihn an und wenn Blicke töten könnten, so wäre der Kapitän wohl auf der Stelle tot umgefallen. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem kalten Lächeln. Mädchen mit Temperament erzielten immer einen höheren Preis, soviel wusste er und dann war dort noch diese Tätowierung. Denbar fuhr die kunstvollen Linien, welche von ihrer Schläfe über ihre Wange verlief und sich am Hals fortsetzte, mit seinem Finger nach. Es war eine Arbeit, die von einer Fingerfertigkeit zeugte, wie man sie im Kaiserreich kaum finden konnte. Wo er so darüber nachdachte, sahen die Linien aus wie die obersten Ausläufer einer Flamme.
Falten bildeten sich auf seiner Stirn, als er den geschmiedeten Halsreif mit seinen Fingern erreicht hatte. Die Flammen verschwanden unter dem Reif und setzten sich auf dem Schlüsselbein fort. Wieder begann er wie ein Wolf zu grinsen, denn sollte er recht behalten, so würde er diesen Ort mit sehr viel mehr Reichtümern verlassen, als er erhofft hatte. Ilayda wollte ihre Hände hochreißen, doch ihr Versuch einer Gegenwehr änderte nichts an dem Resultat. Der Stoff des Hemdes hielt dem Ruck nicht stand und ihr Oberkörper war halb entblößt.
Denbar konnte nicht anders als anerkennend zu nicken, denn der Elementarist hatte wahrlich ganze Arbeit bei diesem Kunstwerk geleistet. Die wie Flammen anmutenden Linien zogen sich über die Schulter des Kindes hinweg bis auf den Oberarm. Weitere Flammentätowierungen umrahmten den flachen Brustkorb, zogen sich über die Taille und Hüfte hinweg und verschwanden unter dem Hosenbund. Erst auf dem Oberschenkel hatte der Meister dieses Kunstwerk vollendet.
Denbar strich sich über den Schnurrbart. Dieses Mädchen war wahrlich ein Schatz. Er konnte sich durchaus vorstellen, wie diese Tätowierungen erst wirken würden, wenn aus dem Kind eine Frau geworden war und wenn er dies erkennen konnte, dann sicherlich auch die Fleischbeschauer, die über ihm darauf warteten.
Er entfernte die letzten Stoffreste von ihrem Körper. Jede Gegenwehr unterband er ohne große Mühe, so sehr sich Ilayda auch zu widersetzen versuchte. Denbar packte sie im Nacken und schob sie vor sich her durch die Tür und eine Treppe hinauf.
„Der Handel mit Sklaven ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Wir bieten eine Ware feil und je exotischer sie ist, desto mehr verlangen wir für sie. Und Du meine Kleine, wirst mir ein hübsches Sümmchen einbringen“, waren die letzten Worte, welche Ilayda von ihm hörte, ehe er sie durch einen schweren Vorhang stieß.
Beinahe wäre sie gefallen, doch zwei kräftige Hände packten sie an den Armen und richteten sie auf.
Sie wollte schreien, doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Sie kämpfte mit ihren Gefühlen, versuchte sich den Griffen zu entwinden und musste die Bemühungen schließlich doch einstellen, denn ausgerichtet hatte sie, bis auf die Tatsache dass ihre Arme schmerzten, nichts.
Sie stand auf einer Art Bühne, Fackeln an den Wänden erhellten diese, der Rest des Raumes lag im Halbdunkel. Gestalten saßen an Tischen und unterhielten sich miteinander. „Was haben wir denn hier? Einen wahren Wildfang wie mir scheint.“, die Worte des dickbäuchigen Mannes lösten Gelächter im Raum aus. „Ein wenig aufmüpfig, doch die Herrschaften haben sicherlich ihre Mittel und Wege mit so etwas fertig zu werden.“
Ilaydas Kopf wurde zur Seite gedrückt, als der Mann auf die kunstvolle Tätowierung zu sprechen kam, damit auch alle anderen im Raum sie bestaunen konnten. Wieder versuchte sie sich zu wehren mit dem selben Erfolg wie zuvor. Es fühlte sich an als würde eine Ewigkeit vergehen, bevor sie auf ein einziges Handzeichen hin wieder hinter den Vorhang geschafft und in einen Raum gesperrt wurde.
An der Wand saßen einige Frauen zusammengekauert, sie alle waren aus ihrem Leben gerissen worden, doch wenigstens hatten sie ihre Kleider noch, während das Kind der ihren beraubt worden war. Erst jetzt wurde ihr dies so wirklich bewusst, da die Kälte des Gemäuers ihr in die Glieder kroch. Sie kauerte sich vor Angst und Kälte gleichermaßen zitternd zusammen und vergrub ihr Gesicht zwischen den Knien.
Die Zeit verging und der Raum wurde leerer. Immer wenn die Tür sich öffnete wurde eine der Frauen von den Männern die sie hier hineingebracht hatten aufgegriffen und hinaus gebracht. Die einzige Frage war, wann es Ilayda sein würde.
An einem Tisch vor der Bühne zogen sich derweil die Verhandlungen über den Preis, der für das südländische Mädchen gezahlt werden sollte, in die Länge. Denbar und Tharn saßen sich gegenüber und feilschten miteinander. Ein Sack voll Silberdrachmen sollte am Ende der Preis für die Kindheit Ilaydas sein.
Zufrieden schob Denbar den Sack unter sein Hemd und erhob sich. „Wie immer eine Freude mit euch Geschäfte zu machen Tharn.“, sagte der Sklavenjäger und verließ den Tisch. Der Angesprochene blickte ihm nach, rieb sich die Hände und nahm dann noch einen Schluck des teuren Rotweins, während er darüber nachdachte, wie er seinen neuesten Besitz gewinnbringenden einsetzen konnte. Bis aus dem Kind eine Frau geworden war, würden noch gut und gerne acht Jahre ins Land ziehen, doch Tharn der Wucherer war nie ein Mann gewesen, der nur kurzfristige Pläne schmiedete.
Die Sonne hatte den Horizont bereits rot gefärbt als Ilayda fortgeschafft wurde.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 2: Eine Kindheit die keine war

„Es gibt Feuer die scheinen gestorben zu sein, nur um erneut auszubrechen, wenn man sie schon lange vergessen hat. Aus diesem Grund solltet ihr darauf achten, auch den letzten Funken zu ersticken.“
Mündlich überlieferte Worte unbekannten Ursprungs.

Man konnte nicht sagen dass es Ilayda in den zehn Jahren die sie bei Tharn verbracht hatte an etwas gemangelt hätte. Zumindest für ihr leibliches Wohl war gesorgt, doch die Traditionen ihres Volkes, die Erinnerungen an ihre Eltern und das harte Leben in der Wüste verblassten je mehr Jahre ins Land gingen.
Sie war noch ein Kind und konnte das was Tharn für sie im Sinn hatte noch nicht erfüllen, doch bis es soweit war konnte sie in der Küche helfen, Getränke und Speisen zu den Tischen tragen und lernen wie sie sich zu verhalten hatte. Genau dieses Verhalten war Ilayda zuwider. Sie war ein Kind des Feuers und dieses brannte noch immer in ihrer Brust. Eine Flamme die sich nicht einfach ersticken ließ. Tharn hoffte, dass sie sich einen Teil dieses Temperaments behalten würde. Es würde ihm in der Zukunft weit mehr Vergnügen bereiten es zu zähmen.
Zwei mal ging das Temperament mit dem Kind durch, doch Tharn hatte wenig Schwierigkeiten sie zu bändigen. Sie war ihm in körperlicher Hinsicht keine ebenbürtige Gegnerin, doch er musste sie auch an ihren Platz erinnern. Seit dem zweiten Versuch trug sie einen Halsreif, für einige Wochen waren ihre Handgelenke mit Ketten an diesen gebunden, als Strafe dafür, dass sie versucht hatte ihn zu verletzten. Die Ketten und Manschetten hatte er ihr wieder abgenommen, doch den Halsreif würde er erst Jahre später entfernen, jedoch nur um ihn gegen eine andere Art von Ketten auszutauschen.
Die Jahre zogen ins Land und aus dem Kind wurde eine junge Frau, noch nicht ganz an der Schwelle zum erwachsen werden, doch schon jetzt wusste der Wucherer, dass sein Instinkt ihn nicht getäuscht hatte. Tharn ertappte mehr als nur einen seiner „Gäste“ dabei, wie sie ihr einen verstohlenen Blick hinterherwarfen und wenn er ehrlich mit sich selbst war, waren sie nicht allein damit. Es war an der Zeit sie in die fähigen Hände von Tasnia zu geben, damit er in nicht all zu ferner Zukunft ein erstes mal die Früchte seiner Geduld ernten konnte.
Ilayda hatte gelernt, dass es weniger schmerzhaft für sie war den Befehlen ihres Besitzers zu folgen. All ihre Versuche sich in den letzten Jahren zu widersetzen waren gescheitert doch jeder Versuch bedeutete auch, dass das Feuer in ihr noch immer brannte. Dieser Funke war es, an dem sie sich festklammerte und den sie nicht bereit war gehen zu lassen. Über Tasnia wusste sie nur, dass diese die liebste Gespielin Tharns war und so wuchs ihr Unbehagen mit jedem Schritt, den sie nur bedingt freiwillig mit dem Diener an ihrer Seite in Richtung des Gemachs der Frau machte.
Auch wenn der Name auf etwas anderes hindeutete, handelte es sich bei Tasnia um eine Kaiserliche. Dem wenigen was Ilayda aus dem Tratsch der Küchenweiber entnommen hatte, handelte es sich bei ihr um eine Schöne der Nacht, die in den Diensten Tharns stand und ihm die ein oder andere Information zukommen ließ.
Der Diener öffnete die Tür, schob Ilayda hinein und zog sie wieder zu. Der Raum in dem sie sich nun befand war groß, ausgelegt mit allerhand Stoffen, dicken Teppichen und erleuchtet von Kerzen. Ein betörender Duft lag in der Luft. „Ihr habt mich warten lassen Tharn“, erklang die rauchige, allerlei Verlockungen verheißende Stimme und eine Hand schob einen der Vorhänge des mit Kissen ausstaffierten Bettes beiseite.
Es war das erste mal, dass die beiden Frauen sich länger als nur einen Augenblick sahen und der Unterschied zwischen ihnen hätte kaum größer sein können. Ilaydra trug ein einfaches Hemd und einen Rock. Beides hatte schon bessere Tage gesehen und zeigten Spuren ihrer Arbeit in der Küche, doch gewissermaßen machte das was man nicht sofort sehen konnte sie auch interessant, ließ es doch die Phantasie reisen.
Die Andere hingegen saß auf einem Bett, die Beine leger übereinander gelegt und trug wenig mehr als einen Gürtel. Die wenigen Stofftücher konnte Ilayda kaum als Kleidung bezeichnen. Raum für Phantasie ließen lediglich die möglichen Wonnen, welche die Frau Tharn in den Jahren geboten hatte. Sie war deutlich größer als Ilayda, hatte einen athletischen Körper und als sie sich nun erhob ging von ihr eine gewisse Kraft, Eleganz und Anmut aus, wie sie die Raubkatzen der Wüste ausstrahlten.
Zuerst war Tasnia überrascht, doch dann wanderte ihr Blick an Ilayda hinauf und hinab, während sie sich mit der Zunge über die Lippen fuhr und selbige zu einem Lächeln formte. „Dreh dich Kind, lass dich ansehen“, forderte sie Ilayda auf. Das Hemd war weit geschnitten, der Rock zweckmäßig, doch Tasnia entgingen die weiblichen Rundungen nicht, welche sich unter dem Stoff abzeichneten. Das musste sie Tharn zugestehen, er hatte ein Auge für schöne Dinge und sie wusste was er von ihr verlangte. Sie sollte diese Knospe zum blühen bringen.
„Wenn ich dir einen Rat geben soll, lass dich darauf ein. Es wird dir leichter fallen, wenn du es nicht als Zwang siehst und du selbst bist. Dann wird es nicht nur ihm Freude bereiten“, sprach die Schöne und öffnete mit einigem Geschick die Kordel des Rocks. Schwer wie er war glitt er von Ilaydas Hüfte hinab, während die zartgliedrigen Finger Tasnias über ihre Wange und Hals strichen, die eine Hand die Schnüre des Hemdes lösten und die andere sich am Schlüsselbein entlang unter das Hemd schob um es ebenso wie den Rock abzustreifen.
Ilayda zitterte, ihre Hände ballten sich zu Fäusten und die Fingernägel bohrten sich in ihre Handballen. Angst und Wut wurden zum Zunder für den Funken der Glut, welcher in all den Jahren nicht vergangen war. Wäre Tasnia nicht so erfahren, hätte sie der Schlag vielleicht überrascht, doch sie hatte die Anzeichen durchaus bemerkt. Eine kurze Bewegung und sie lenkte die ganze Wucht des Schlages ins Nichts und verdrehte den Arm auf ihren Rücken. Schmerz, wie Ilayda ihn schon lange nicht mehr verspürt hatte raste ihren Arm hinauf. „Lass es Kind, du bist mir nicht gewachsen“, flüsterte Tasnia, dem Schnurren einer Katze nicht unähnlich, in ihr Ohr und verstärkte den Griff noch einmal. Tränen schossen in Ilaydas Augen, bevor der Griff sich lockerte und der Schmerz verging.
„Zuerst muss der Geruch verschwinden. Der Zuber steht hinter der Wand.“ Die Worte ließen keinen Zweifel daran, dass die Jüngere ihnen unverzüglich folge leisten sollte. Tasnia begab sich während dessen wieder auf ihr Bett und leckte sich erneut über die Lippen. Oh ja, sie würde es ebenso genießen wie Tharn.
Tasnia war keinesfalls eine Frau, die sie als Freundin oder gar als Verbündete gewinnen konnte, das hatte Ilayda schon kurz nachdem sie in das Zimmer gestoßen worden war herausgefunden. „Ich werde dir alles beibringen was du wissen musst Kind“, hatte sie gesagt während Ilayda sich in dem Badezuber wusch. „Es ist eine Kunst und wenn Du gut darin bist, kannst Du hier ein angenehmes Leben führen.“
Obwohl das Wasser warm war, lief Ilayda bei den Worten ein kalter Schauer über den Rücken, denn sie verstand durchaus wovon Tasnia sprach. Sie hörte wie eine Tür geöffnet würde und Tharns Stimme erklang. Ilayda verstand nicht jedes Wort, doch ging es wohl um eine Absprache die eine Frist beinhaltete. Einen Mond, dann wäre sie bereit.
Tharn grinste wie ein Wolf, als sein Blick zum Abschied noch einmal über Tasnias Körper glitt und er ihr mitteilte, dass er sie heute Nacht in seinem Gemach erwarten würde, dann schloss sich die Tür wieder.
Die Tage vergingen viel zu schnell. Zwar schlief es sich auf Kissen angenehmer als auf dem Lager aus Stroh, auf dem Ilayda bis dahin geschlafen hatte, doch dafür fühlte sie sich erniedrigt.Tagsüber lehrte die Ältere sie die Kniffe, welche sie sich in all den Jahren angeeignet hatte. Die Kunst der Verführung, sinnliche Blicke, eine sanfte Berührung an der richtigen Stelle konnte einen Schauer auf der Haut erzeugen und die Wärme eines anderen Körpers an dem ihren, all diese Erfahrungen brachte ihr die gefährliche Schöne näher.
Nachts war Ilayda oft allein, denn wenn immer es Tharn danach gelüstete, verbrachte Tasnia weite Teile der Nacht auf der anderen Seite der zweiten Tür zu ihrem Gemach, während es Ilaydas Aufgabe war dem Schauspiel auf der anderen Seite zu lauschen, denn wie die Lehrerin ihr gesagt hatte lag die Kunst auch darin die Männer in ihren eigenen Illusionen zu bestärken. Bislang hatte lediglich Tasnia Ilaydas Körper erkundet, doch sie hatte keinen Zweifel daran aufkommen lassen, wer es nach Ablauf dieses Mondes tun würde und das erfüllte die Lauschende mit Angst und Wut gleichermaßen. Sie hatte darüber nachgedacht ihren eigenen Lebensfunken zu ersticken, doch jedes mal wenn ihre Gedanken darum kreisten war dieser Funke zu einem tosenden Inferno geworden, welches alle anderen Gedanken verbrannte.
Sie wusste, was es zu bedeuten hatte, als Tasnia sie zwei Tage später nach einem Bad einkleidete. Ihr Körper war der einer Frau geworden und die Kleider in welche sie gesteckt wurde unterstrichen dies. Sie schmeichelten ihrer Figur, hoben die richtigen Rundungen hervor und verbargen genug um die Phantasie eines jeden Mannes auf reisen zu schicken.
„Du bist heute Nacht nicht allein“, flüsterte sie ihr mit ihrer verführerischen Stimme zu, und schob sie vor sich her durch die bislang immer für sie verschlossene Tür, zog sie hinter ihnen beiden zu und führte sie weiter auf ein leeres Himmelbett, wo sie sich beide niederlegten. Kurze Zeit später betrat Tharn sein Gemach durch eine andere Tür. Der Anblick, der sich ihm bot verschlug ihm beinahe den Atem. Tasnia räkelte sich auf dem Bett und zeichnete mit ihren Fingern langsam die kunstvollen Tätowierungen Ilaydas nach. Tharn ließ sich nicht ein weiteres mal bitten.
Der Funke in Ilayda war nicht erloschen, doch in dieser Nacht bäumte sich die Flamme ihrer Kindheit ein letztes mal erfolglos auf und verging, ebenso wie die Kindheit, die sie nie hatte.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 3: Verrat wird mit dem Tod bestraft

„Versuche niemals mich zu hintergehen oder Du wirst das selbe Schicksal erleiden.“
Warnende Worte Tharns an Ilayda.

Tharn war wie ein Tier gewesen. Den Stoff hatte er ein seiner Begierde einfach zerrissen und Ilayda wusste kaum wie ihr geschah. Jeder Versuch der Gegenwehr war zwecklos geblieben und was ihr in Erinnerung blieb waren Blut und Schmerzen als sie von Tasnia wieder in das gemeinsame Zimmer geführt wurde.
„Sieh zu und lerne“, hatte die Ältere ihr ins Ohr geflüstert, als Tharn von Ilayda herunter gerollt war. Durch einen Schleier aus Tränen konnte Ilayda beobachten, wie Tasnia den Wucherer nach allen Regeln der Kunst verführte. Es war in diesem Augenblick nicht mehr Tharn der die Kontrolle zu haben schien. Er war vielmehr ein Gefangener in Tasnias Spiel.
„Erinnere dich an den Rat den ich dir gab“, sagte Tasnia als sie zu Ilayda in den Badezuber stieg und fuhr leise fort: „Tharn ist nicht anders als all die anderen Männer. Wenn sie nicht bekommen was sie wollen, nehmen sie es sich mit Gewalt wie du gemerkt hast. Sie werden es nie zugeben, doch dort auf den Kissen gehören sie dir, wenn du es willst. Und dass meine Kleine, ist das ganze Geheimnis.“
Die Nächte der folgenden Tage und Wochen waren nicht besser für Ilayda. Ihre Versuche die Kontrolle zu übernehmen waren meist erfolglos oder nicht von langer Dauer, doch in Tasnias Augen wurde sie besser darin. Nach etwas mehr als einem Monat geschah es das erste mal, das Tharn lediglich Ilayda in sein Gemach kommen ließ und Tasnia zurückblieb. Tasnia feierte es für sich als einen Erfolg. Sie war Tharns Körper ebenso überdrüssig und konnte nun endlich vermehrt eigenen Plänen nachgehen. Einer von diesen beinhaltet gewissermaßen auch Tharn und einige seiner kleinen Geheimnisse, die sie für einen guten Preis verkaufen wollte, bevor sie für immer aus dieser dreckigen Stadt verschwand.
Als Ilayda in einer dieser Nacht wieder in das Zimmer kam, war Tasnia verschwunden. Vermutlich hatte sie einen Auftrag erhalten von dem die Jüngere nichts wusste. Tage an denen sie alleine war waren zwar selten doch nicht mehr ungewöhnlich und gaben ihr die Gelegenheit zur Ruhe zu kommen. Jede Nacht die sie auf den Kissen und Decken des Wucherers verbrachte erfüllte sie noch immer mit Ekel und Abscheu. Sie wusste nicht ob diese Gefühle je vergehen würden, doch Ilayda war froh sie zu haben, zeigten diese doch, dass sie noch nicht abgestumpft und innerlich leer war.
Wie immer wusch sie sich gründlich um den Geruch des Geldverleihers loszuwerden und zumindest das Gefühl zu haben sauber zu sein. Anschließend zog sie sich auf ihr Bett zurück und versuchte zu vergessen. Ruhe in ihren Gedanken fand sie in diesen Zeiten nur selten und wenn doch, so saß sie stumm da und betrachtete eine der vielen Flammen, wie sie langsam und unaufhaltsam den Wachs der Kerzen verzehrten und ihre Gedanken auf eine Reise in ihr Innerstes mitnahmen. Hin zu dem im Nichts stehenden Feuer, welches umgeben von Finsternis noch immer brannte. Ilayda wusste nicht woraus diese Flammen ihre Nahrung bezogen, doch sie fühlte sich in diesen seltenen Augenblicken geborgen, stark und auch rastlos.
Tasnia hatte sich seit nun fast zwei Monden nicht mehr sehen lassen, was zweierlei mit sich brachte. Ilayda hatte mehr Zeit die sie alleine verbrachte, allerdings musste sie auch öfter als zuvor die Gesellschaft des Wucherers erdulden.
Ein Klopfen an der Tür mit dem kurzen Befehl „Mitkommen!“ riss sie aus ihren Gedanken. Anscheinend wollte Tharn wieder jemanden empfangen und wünschte Ilaydas Anwesenheit. Die letzten Male sollte sie lediglich verführerisch auf den Kissen vor seinem Thron liegen. Einmal war sie für eine Nacht Teil des geschlossenen Handels gewesen, doch als Ilayda dieses mal hinter dem wuchtigen Stuhl hervortrat um sich zu den Kissen zu begeben blieb sie überrascht stehen.
Einige Schritte vor den Kissen lag eine geknebelte Frau in lederner Rüstung, die Hände und Beine verschnürt. Wenn auch weniger offenherzig gekleidet als sonst, erkannte Ilayda sie als Tasnia. Ein unsanfter Stoß zwischen ihre Schulterblätter erinnerte sie daran weiterzugehen und sich auf den Kissen niederzulassen.
Der Wächter verschwand wieder und für einige Augenblicke, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, waren die beiden Frauen alleine in dem Raum. Schweigend sahen sie sich an und Ilayda war sich sicher so etwas wie Furcht in den Augen der sonst immer so selbstsicher Auftretenden zu sehen. Nein es war keine Furcht. Tasnia hatte Angst. Angst um ihr Leben.
Beide hörten sie wie sich die Tür öffnete. Tharn kündigte sich mit seinen schweren Schritten an. Ilayda musste sich nicht umblicken, denn anders als sonst ging der Wucherer direkt an ihr vorbei, bückte sich und riss Tasnia an ihrem Schopf hoch.
„Dachtest du Miststück wirklich das du entkommen kannst? Zuerst bestiehlst du mich, dann verschwindest du und willst abhauen?“, Ilayda zuckte zusammen, als Tharns flache Hand Tasnias Wange fand. Der Kopf würde zur Seite gerissen und hätte der Wucherer den sie nicht mit der anderen Haar am Haarschopf gepackt, so wäre Tasnia wohl auf dem Boden aufgeschlagen. Der Handrücken fand ihre andere Wange und riss sie zur anderen Seite. Blut lief über Tasnias Gesicht, an den Stellen wo statt der baren Hand Ringe ihr Gesicht getroffen hatten. Ilayda hatte aufgeschrien, doch Tharn ignorierte es einfach und schlug ein weiteres mal zu. Ein Tritt in die Magengrube raubte ihr den Atme und ließ sie vornüber kippen.
Tharn ging in die Hocke und riss sie am Kinn hoch. „Ich habe immer gut für dich gesorgt und so dankst du es mir, mit Verrat und du weißt was Verräter erwartet“, wenn in seiner Stimme einmal soetwas wie Freundlichkeit war, so war es nun vollkommen verschwunden. Sein Knie traf den Kiefer, Knochen brachen als der Kopf nach hinten geworfen wurde und der Körper folgte. Einmal hatte Tasnia Ilayda vor Tharns Jähzorn gewarnt, wenn Ilayda nun sah wie Tasnia zugerichtet wurde, hoffte sie nie selbst Ziel dieses Zorns zu werden.
Ein Tritt in den Unterleib gefolgt von einem weiteren in die Magengrube und an den Kopf. Von der Frau ging nur noch ein wimmern aus, doch Tharn ließ nicht nach und deckte sie noch mit einigen weiteren Tritten ein. Schnaufend ging er wieder in die Hocke und richtete Tasnia wieder auf. Mit seiner Hand presste er den gebrochenen Kiefer zusammen, was ihr ein weiteren schmerzvollen Schrei entlockte. „Ich hatte dich wirklich gern Tasnia“, sprach er und zog seinen Dolch aus dem Gürtel.
„Schau hin!“, befahl er mit einem Blick über die Schulter. Ilayda hatte sich abgewendet, sie wollte das was kommen würde nicht sehen, doch den Zorn, der bei einer Weigerung in dieser Nacht über sie hereinbrechen würde fürchtete sie noch mehr.
„Versuche niemals mich zu hintergehen oder Du wirst das selbe Schicksal erleiden“, sprach er als er den Dolch unter Tasnias Brust zwischen ihre Rippen stach. Ilayda konnte sehen wie das Leben den Körper der Frau verließ, die Augen weit aufgerissen war sie das letzte, was Tasnia sehen würde. Blut kam aus dem Mund, floss über Tharns Hand und tropfte auf den Boden. Das Leder der Rüstung färbte sich dunkel, an der Stelle wo der Dolch sie durchbohrt hatte. Mit einem Ruck zog der Wucherer ihn wieder heraus. Jeder Herzschlag presste mehr Blut aus der Wunde. Das Wimmern wurde immer schwächer und Tharn ließ es mit einem raschen Schnitt durch Tasnias Kehle endgültig verstummen. Ein leichter Stoß reichte und der leblose Körper fiel nach hinten.
Ilayda zitterte am ganzen Körper als Tharn an ihr vorbei ging. Er blieb nur einen kurzen Augenblick stehen um die Wirkung seines Werkes auf sie zu bewundern, dann ging er weiter. Um den Körper Tasnias hatte sich eine Blutlache gebildet, als der Wächter Ilayda an der Schulter packte und wieder zurück auf das Zimmer brachte. Sie war froh das Tharn an diesem Tag nicht noch einmal sah.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 4: Inferno

„Einer Raubkatze nicht die Krallen zu stutzen ist ein Spiel mit dem Feuer. Selbst dann, wenn Ihr glaubt sie gezähmt zu haben.“
„Wie man mit wilden Tieren umgeht“, Verfasser Unbekannt

Tasnias Tod war eine Lektion für Ilayda. Sollte sie jemals ihrem Schicksal entkommen wollen, so führte der Weg in die Freiheit nur über Tharns Leiche. Nur Fortzulaufen war keine Möglichkeit, wollte sie nicht ständig über ihre eigene Schulter blicken, aus Angst vor den Häschern die er unweigerlich nach ihr aussenden würde.
Auch wenn die zehn Jahre Tharn älter, langsamer und auch um einiges fülliger gemacht hatten, war Ilayda keine Gegnerin für ihn. Weder besaß sie eine Waffe, noch Erfahrung im Umgang mit solchen. Das einzige worauf sie sich verstand, war darauf sich zu bewegen. Tharn schätzte diese Beweglichkeit an ihr. Die Anmut ihrer Bewegungen erinnerte ihn an das Spiel der Muskeln einer Raubkatze unter dem glänzenden Fell und als solche präsentierte er sie auch seinen Geschäftspartnern. Ein Halsband, das ebenso gut um den Hals einer Raubkatze gepasst hätte, erinnerte Ilayda seit fast einem Jahr daran was sie war. Auch wenn es aus Gold und mit Edelsteinen besetzt war, der Ring in ihrem Nacken, durch welchen Tharn manchmal eine dünne Kette zog, machte es zu einer Fessel, wie Ilayda sie seit Jahren trug. Der Wucherer hatte für sie Ringe anfertigen lassen, die ihre Fingerkuppen um ein gutes Stück überragten und den Krallen einer Katze nachempfunden waren um das Bild, welches er von ihr hatte zu komplettieren. Tharn liebte es, wenn er diese auf seinem Rücken spürte, gab es ihm doch ein ganz besonderes Gefühl der Macht.
In den Zeiten der Einsamkeit dachte Ilayda viel darüber nach, wie sie aus diesem Gefängnis entkommen konnte. An eine Waffe würde sie niemals kommen und ein offensichtlicher Angriff war wenig erfolgversprechend. Sie hatte in der Zeit seit Tasnias Tod schon alle Gegenstände in ihrem Zimmer untersucht, doch nichts davon eignete sich dazu einen gestanden Mann zu töten.
Als Tharn ihr das erste mal die Ringe angelegt hatte, hatte sie gehofft sie wären wirklich so scharf wie die Krallen einer Raubkatze, doch ihre Hoffnung war enttäuscht worden. Trotzdem dachte sie darüber nach, wie man die Krallen schärfen konnte, denn etwas das einer Waffe näher kam, würde sie wohl kaum in ihre Hände bekommen.
Zu ihrem Glück war das Metall der Krallen relativ weich. Tharn hatte vor allem auf das Aussehen geachtet. Wenn auch langsam, war es Ilayda doch möglich das Metall an der Unterseite der Krallen mit Hilfe des Dorns eines Kerzenständers abzutragen. Es war kein richtiges Werkzeug und sie musste sehr vorsichtig vorgehen. Sie durfte nicht zu viel abtragen, sonst wäre es aufgefallen, doch mit der Zeit, waren die leicht abgerundeten Spitzen immer dünner geworden und auch die Ränder der Krallen hatten eine gewisse Schärfe erhalten. Keinesfalls vergleichbar mit einer Klinge, doch spitz und scharf genug um mit etwas Kraft durch den Stoff eines Kissens zu stechen und es aufzureißen, wie sie erfolgreich probiert hatte.
Einen wirklichen Plan hatte sie in all der Zeit dennoch nicht entwickeln können. Aus dem Zimmer zu entkommen war unmöglich. Die Türen waren massiv und immer verschlossen. Einen Schlüssel hatte sie bei Tharn nie gesehen, wie sich die Tür seines Gemachs öffnen ließ war ihr schleierhaft, auch wenn es sicherlich einen Weg geben musste. Sie kannte ihn nur nicht.
Ein wenig Freiheit hatte sie höchstens auf dem Weg aus seinem Besprechungszimmer hinauf in ihr Zimmer, doch schon auf dem Flur erwartete sie immer ein Wächter. Die Tür auf halbem Weg führte in einen anderen Flur, an dessen Ende sich die Haustür befand. Diese ließ sich zwar öffnen, doch wie sie von dort an den Bediensteten und weiteren Wächtern vorbei gelangen sollte war ihr schleierhaft.
Aus Tagen wurden Wochen, ohne dass Ilayda eine Möglichkeit sah sich von ihrem Peiniger zu befreien. Der Blick in die Flammen hatte ihr immer Kraft gegeben und sie zur Ruhe gebracht, doch wann immer sie diese Ruhe in sich suchte, war sie nicht mehr da. Das Feuer in ihr brannte nicht länger ruhig vor sich hin.
Als sie an diesem Tag in den Keller geführt wurde, konnte sie einen kurzen Blick durch die Eingangstür hinaus werfen. Dort lag sie, eine Freiheit und Welt die sie nicht kannte.
Worum es genau bei dem Treffen ging erschloss sich Ilayda nicht. Sie erfüllte ihre Aufgabe und räkelte sich auf den Kissen zwischen Tharn und seinen Geschäftspartnern. Zwei Beutel wechselten im Tausch gegen eine Schriftrolle den Besitzer, jetzt lagen sie aufgeschnürt auf dem Tisch und der Wucherer stapelte die Münzen. Er blickte kurz auf, als Ilayda mit einer Hand über ihre Hüften strich und sich in einer fließenden Bewegung erhob. Mit der Zunge über seine Lippen fahrend genoss er den Anblick. Wie sie einen Fuß vor den anderen setzte, die Bewegung ihrer Hüfte und die kaum etwas verhüllenden Kleider weckten seine Begierde.
Nur ein Schritt mehr und sie wäre an ihm vorbei gewesen, doch da griff seine Hand nach der ihren. Ilayda sah die Hand und den Arm, der an dem ihren zog. Tharns Mund bewegte sich und formte Worte, die jedoch im tosen des Feuers in ihren Gedanken untergingen.
Sie wusste nicht weshalb, doch sie spürte das dies der richtige Augenblick war. Wie es danach weitergehen würde, war ihr gleich. Was zählte war die über Jahre angestaute Wut, die Erniedrigungen die sie über sich hatte ergehen lassen müssen. Sie alle waren der Zunder, der Feuer gefangen hatte und sich explosionsartig ausbreitete und in ihrem Geist ein Inferno hinterließ.
Mit der Oberseite der Krallen fuhr sie über seinen Oberarm. Ein verführerisches Lächeln auf ihren Lippen zog sie die Hand ein wenig zurück und stieß die Krallen mit aller Kraft in die Seite seines Halses. Begierde wurde zu Überraschung, schwang um in Schmerz und Wut und Angst, als die Klauen den Widerstand der Haut überwanden und in die darunter liegende Muskulatur eindrangen. Ilayda spürte wie das warme Blut aus der Wunde über ihre Finger rann. Ihre Finger schmerzten als sie mit all ihrer Kraft an den Ringen riss.
Ihre andere Hand kam frei als Tharn sie von sich wegstieß. Mit der einen Hand griff er nach seinem Hals, mit der anderen nach seinem Dolch. Er wollte schreien, doch Ilayda hatte sich bereits wieder gefangen und stürzte sich erneut auf ihn. Die Klauen der einen Hand gruben sich in den Unterarm des Waffenarms und rissen die Haut samt des darunter liegenden Gewebes auf, mit der anderen stach sie nach der Hand, welche Tharn auf die Wunde an seinem Hals drückte.
Blut quoll zwischen seinen Fingern hindurch, der Dolch den er im begriff war zu ziehen fiel klirrend zu Boden. Beide waren gleichermaßen überrascht von der Kraft, die Ilayda aufbrachte, als sie ihre Hand auf seinen Mund legte und damit den Hilfeschrei erstickte. Die Bewegungen des Wucherers wurden langsamer, er spürte wie das Leben ihn durch die Halswunde zu verlassen drohte. Krallen bohrten sich in seine Wange und rissen diese auf, als der Wucherer sich aufbäumte um sich von der Furie zu befreien.
Ilayda fiel zu Boden und Tharn wollte sich auf sich stürzen. Der Dolch lag neben ihr, ihre Hände griffen danach. Alles geschah in wenigen Augenblicken, doch sie hatte das Gefühl es würde eine Ewigkeit vergehen. Sie drehte sich auf den Rücken, Tharn öffnete den Mund um zu schreien, sie drückte die Arme durch. Der Schrei, welcher die Wachen unweigerlich alarmiert hätte, verkam zu einem gurgeln, als der kalte Stahl in seinen Hals eindrang. Das letzte was Tharn sah waren die weit aufgerissenen Augen Ilaydas, als sie sich unter ihm wegdrehte.
Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, so laut das sie das Gefühl hatte die Wachen im ganzen Haus hätten es hören müssen. Das Tosen des Feuers in ihrem Geist ließ langsam nach und es gelang ihr wieder klare Gedanken zu fassen. Zu diesem Punkt waren ihre Pläne nie gekommen und was nun? Das Blut an ihren Händen und am Rest ihres Körpers nahm sie kaum wahr. Sie musste hier verschwinden. Ihr Schritt beschleunigte sich, als sie die Treppe hinter dem Stuhl erreichte. Ilayda hatte gerade die Hälfte hinter sich gebracht, als sie von unten die aufgeregten Rufe hörte, die sie eigentlich schon viel früher erwartet hatte.
Der Wächter von oben würde sicherlich auch nachsehen kommen. Sie warf sich gegen die Tür auf der Hälfte der Treppe und fand sich in dem langen Flur, an dessen Ende die Freiheit auf sie wartete, wieder. Alle Vorsicht fahren lassend rannte sie auf diese zu. Die Eingangstür öffnete sich kurz bevor sie dort war. Der Wächter war mindestens so sehr überrascht, als die Frau in vollem Lauf vor ihm war, wie sie selbst, nachdem sie mit ihm zusammengestoßen war und noch weiter laufen konnte.
Die ersten Schritte seit zehn Jahren außerhalb der Mauern des Hauses, die ersten Schritte in ihrer neuen Freiheit.
In dieser Nacht mussten die Ahnen wirklich ihre Hand über sie gehalten haben, denn sie verschwand im aufziehenden Nebel des Hafens.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 5: Suche

„Liebe, was du tust. Lebe, was du tust. Oder lass es gleich.“
Letzter Satz einer Erzählung ihrer Mutter Cantara darüber, wie man seinen Platz in der Gemeinschaft findet.

Ilayda besaß kaum etwas, das es wert war als Besitz bezeichnet zu werden. Ihre Krallen und das übrige Geschmeide hatte sie in der Nacht im Hafenbecken versenkt und anschließend in einer Gasse auf eine Gelegenheit gewartet um auf eines der auslaufenden Schiffe zu kommen.
Der Matrose wollte sich gerade in jener Seitengasse erleichtern, als Ilayda hinter einem Kistenstapel hervor kam. Verführerisch legte sie einen ihrer Finger auf ihre Lippen und schob dabei wie zufällig ihren Umhang ein Stück bei Seite. Dass sie ihn in diesem Augenblick für sich gewonnen hatte konnte sie an seinem Blick erkennen, wie er lüstern über das wanderte, was sie ihn gerade sehen ließ. „Die Nächte auf hoher See müssen einsam sein“, hauchte sie ihm zu und strich mit der Hand über seinen Oberarm. „Bring mich unbemerkt an Bord und ich werde die Einsamkeit für diese Fahrt vertreiben.“
Vielleicht hätte sie das Geschmeide nicht wegwerfen sollen, andererseits hätte ihr ein Matrose, der auf ein solches Angebot eingehen würde, wohl auch das Geschmeide mit Leichtigkeit abnehmen können und sie anschließend am Hafen zurücklassen.
Die Überfahrt dauerte nur wenige Tage. Sie hatte Tasnias Rat nie vergessen, auch wenn sie sich in ihrem innersten noch immer dagegen sträubte ihn vollkommen zu beherzigen. Sie fühlte sich mit jedem Tag schäbiger, doch wenn der Preis für ihre Freiheit lautete, für einige Tage mehr ihren Stolz und ihre Selbstachtung zu vergessen, so sollte es so sein.
In der Nacht war sie wieder von Bord gebracht worden und hatte die ersten Schritte seit über zehn Jahren in der Heimat ihres Volkes gemacht. Es kam ihr alles so fremd vor. Zwar war sie eine von ihnen, doch fühlte sie sich kaum so.
Die ersten, die sie mehr als nur eines kurzen Blickes würdigten waren ein Mann, der sich als Amin vorstellte und die Kommandantin. Alles was sie über ihr Volk wusste waren undeutliche Erinnerungen und so beschränkte sie sich darauf wenig über sich zu erzählen und statt dessen zuzuhören. Die Kommandantin hielt es anscheinend ebenso, denn auch sie sprach beinahe ebenso wenig wie Ilayda.
Das Unbehagen konnte man ihr ansehen, als ihr erklärt wurde, das nicht nur Südländer in dem Juwel ein und ausgehen konnten. Sie wollte eigentlich nur einen sicheren Schlafplatz für die Nacht haben und so wurde sie von Amin zu einem Höhleneingang geleitet. Ihre Verabschiedung musste auf ihn ebenso befremdlich gewirkt haben, wie er und die Kommandantin auf sie.
In den kommenden Tagen erkundete sie die Oase und das Juwel. Die Hitze der Wüste am Tage machte ihr zu schaffen. Einen großen Teil des Tages saß sie unter einem Zelt in der Nähe der Felder, betrachtete das Feuer und aß die Früchte er umliegenden Bäume. Sie wusste nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. Um zu schlafen kehrte sie jedes mal in die Blume zurück, doch auch dieser gefühlte Ort der Sicherheit war nur eine weitere Illusion, die wie eine Blase schon bald zerplatzen würde.
Es überraschte sie selbst, das sie mehr mit dem Kaiserlichen den sie in der Bank traf sprach, als mit den übrigen Bewohnern der Oase. Sie handelte sogar mit ihm, mehr aus der Not heraus, das sie das Juwel schon bald wieder verlassen musste und sie dann aufgrund ihrer Kleidung noch mehr aufgefallen wäre.
Zumindest konnte sie durch einige Aufträge, die sie für den Kräuterhändler erledigt hatte, ein paar Münzen bekommen, bevor sie für längere Zeit wieder verschwinden musste um ihre Vergangenheit daran zu hindern sie wieder einzuholen.
Die Kommandantin hatte sie seit dem drei weitere Male getroffen. Bei ihrem zweiten Treffen erschien sie ihr so unnahbar, wie beim ersten. Während des dritten und vierten Treffens war sie beinahe freundlich. Vieles von ihrem dritten Treffen war Ilayda nicht in Erinnerung geblieben, doch die Frage der Nordländerin würde sie sicherlich noch beschäftigen. Was war die Kommandantin für sie? Vielleicht das Ziel einer Suche nach etwas das sie nie hatte?
Am meisten erfuhr Ilayda beim vierten Aufeinandertreffen. Delara erklärte ihr etwas über die Traditionen ihres Volkes. Es war ihr fremd und widersprach Ilaydas sonstigem Verhalten, welches sie im Verlauf der letzten zehn Jahre angenommen hatte.
Sie würde in Gegenwart der Kommandantin aufpassen müssen. Ilayda verspürte nicht unbedingt den Drang einen Bolzen in sich stecken zu haben und Delara hatte durch ihre Worte zu erkennen gegeben, dass sie nicht zögern würde.
Johann, der Kaiserliche dem sie im Juwel und nun auch in Dengra mehrfach begegnet war, hatte sich hinzu gesellt. Das Gespräch eröffnete ihr einige Einblicke und bestätigte in Teilen aus erster Hand, was sie bereits an einem anderen Ort gehört hatte. Die Kommandantin verabschiedete sich kurze Zeit später.
Der Ritter hatte sie gefragt, was sie suchen würde. Ilayda wusste es selbst nicht genau. Sie war sich absolut sicher, dass sie niemals wirklich der Arbeit in einer Mine nachgehen würde. Er zählte einige Dinge auf, die sicherlich im Juwel gebraucht werden würden und sie dachte tatsächlich etwas darüber nach. Doch sie kannte auch ihre eigene Ungeduld und zu gut und wusste, das es weder etwas für sie sein würde einen acker zu bestellen, noch den lieben langen Tag Stoffe zu vernähen oder Geschmeide zu formen.
Jeder einzelnen dieser Tätigkeiten wäre sie schon nach wenigen Stunden überdrüssig. Johann nannte es einen Luxus keine Wahl zu treffen. Vermutlich hatte er recht, es war Luxus, denn ohne eine Wahl zu treffen konnte sie sich nicht in die Gemeinschaft einbringen.
„Liebe, was du tust. Lebe, was du tust. Oder lass es gleich“, hatte sie ihm entgegnet. Die Worte waren eine schwache Erinnerung an etwas, das einst einmal ihre Mutter zu ihr gesagt hatte. Erst wenn sie sich von dem was sie tat auch erfüllt fühlte, würde sie ihren Platz in der Gemeinschaft gefunden haben. Mit den Worten waren noch andere verblasste Erinnerungen in ihr aufgestiegen, denen sie aus einer Laune heraus nachging.
Der Kaiserliche hielt es fälschlicherweise für einen missglückten Versuch der Zauberei, wobei es für Ilayda nur ein Teil einer Bewegung war, die sie in den frühesten Jahren ihrer Kindheit einmal bei einer Tänzerin gesehen hatte. Eine brotlose Kunst, wenn man Johann glauben konnte, bei der es hauptsächlich darum ging Männer zu beglücken, da es nicht beim Tanz bliebe. Ihre Erfahrung sagte ihr, dass dieses Bild unter den Kaiserlichen wohl der Wahrheit entsprach, doch um die diffusen Erinnerungen ihrer Kindheit aus dem Nebel des Vergessens zu heben, war ein Kaiserlicher nicht der richtige Gesprächspartner.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 6: Glaube, Antworten und Erinnerungen

„Wer, außer euch, kann sagen, wer ihr seid?“
Delara bint Era

Ilayda kniete in der Mitte eines Kreises aus aufgewühltem Sand. Ihre Versuche die Bewegungen aus ihren Erinnerungen nachzuvollziehen waren allesamt damit geendet, dass sie mit dem Rücken zuerst auf dem Boden landete.
Sie war gerade dabei sich wieder zu sammeln, als die Kommandantin des Juwels erschien und sie aufforderte ihr zu folgen. Delara war, soweit Ilayda es einschätzen konnte, keine Frau bei der sie einer solchen Aufforderung nicht umgehend folge leisten sollte.
An den Höfen des Juwels vorbei führte die Ältere sie in eine Höhle, die ihr das Gefühl gab von überall beobachtet zu werden. Mit einer einfachen Handgeste wurde sie aufgefordert neben die Kommandantin an das Feuer zu treten.
Weshalb war sie hierher geführt worden? Delara erklärte es ihr, sie erzählte ihr sogar mehr als nur den Grund weshalb sie Ilayda in diese Höhle gebracht hatte. Davon, wie sie ihr Pferd fand, das sie ihre Eltern nicht kannte und wusste das ihre Mutter bereits gestorben war, denn sie hatte mit ihr gesprochen.
Auch über die Götter, die wohl eher im Kaiserreich verehrt wurden, in der Wüste jedoch zumindest geduldet wurden sprachen sie. Ilayda konnte zumindest mehr aufzählen, als die meisten Kaiserlichen, doch verband sie nichts mit diesen. Delara erzählte und zeigte ihr Dinge, von denen Ilayda nicht genau wusste, wie sie diese einzuordnen hatte. Die Jüngere verstand, dass sie in diese Richtung besser keine Fragen stellen sollte.
Das große Feuer brannte wie immer, wenn Ilayda durch diesen Ort gekommen war. Die weiten und verhüllenden Gewänder verstaute Delara in ihrem Beutel, begleitet von den Worten das Dengra freier sei als das Juwel und man hier sicher sei, solange man sich mit Leon oder Johann gut stellte. Letzteren kannte Ilayda bereits, von ersterem hatte sie bereits zwei mal zuvor gehört und wenn die Ahnen, Elemente oder sonst eine Gottheit es gut mit ihr meinten, würde sie ihn auch irgendwann kennen lernen. Wenn Ilayda bereits wenig Stoff trug, so waren die Kleider der Kommandantin unter dem Kaftan noch dürftiger, wie sich mit einem kurzen Blick feststellen ließ.
Ilayda hatte hauptsächlich Delara erzählen lassen. Sie wusste nun vermutlich mehr über die Kommandantin als andersherum, allerdings war die Jüngere vermutlich auch nicht sonderlich Interessant in den Augen der Älteren. Zumindest falls ihr Name nicht auf einer Liste stand und diese Information von einem Kommandanten an den anderen weitergereicht wurde, doch dafür gab es im Augenblick keine Anhaltspunkte.
Die Frage welchen Platz der Tanz in ihrem Volk hatte, brannte ihr schon einige Zeit auf den Lippen und so hielt Ilayda den rechten Zeitpunkt für gekommen danach zu fragen. Eine Schneiderin im Juwel übte sich wohl von Zeit zu Zeit im Seiltanz, etwas dem Delara wenig abgewinnen konnte. Die Antworten nach den übrigen Arten des Tanzes überließ die Kommandantin einem Mann, der sich zu ihnen an das Feuer gesellt hatte.
Ilayda vermutete, das es sich bei diesem um einen Kaiserlichen handelte und nach allem was Delara darüber gesagt hatte, wie sie sich verhalten sollte weil man sich als eine ihres Volkes so verhielt, zeigte die Kommandantin ihr gewissermaßen, dass die Freiheit in Dengra auch bedeuten konnte, dass man die Traditionen ignorierte.
Vielleicht war auch der unterschiedliche Stand, den die beiden Frauen hatten ein Grund dafür und Ilayda würde den Zorn oder die Verachtung der anderen auf sich ziehen, sollte sie sich so verhalten. Andererseits könnte es auch seien, das Delara selbst nicht sonderlich darauf achtete alle Traditionen außerhalb des Juwels zu wahren.
Ilayda hörte aufmerksam zu, denn die Kommandantin unterbrach den Mann nicht in seinen Ausführungen. Offensichtlich wusste auch er mehr über die Traditionen in ihrem Volk, als Ilayda. Zumindest schien der Tanz nicht den selben Zweck in ihrem Volk zu haben, wie bei den Kaiserlichen, doch von einem Tanz wie sie ihn in ihren Erinnerungen sah, wussten weder der Mann noch Delara etwas.
Die Einschätzung des Mannes bezüglich ihres Wunsches war nicht vollkommen falsch, doch auch nicht vollkommen richtig. Ilayda selbst war sich nicht sicher, ob diese Erinnerungen nicht viel eher Trugbilder waren. Doch selbst wenn sie es waren, ihre missglückten Versuche am Feuer bei den Höfen des Juwels hatten in ihr nicht das Gefühl der Rastlosigkeit, wie es bei allen anderen Dingen die sie bislang versucht hatte geschehen war, aufkommen lassen. Sie brauchte Zeit um nachzudenken und sie musste zurück. Sie hatte eigentlich nur bis in die frühen Morgenstunden im Juwel bleiben wollen, als die Kommandantin sie aufgelesen hatte und je länger sie nun hier blieb, um so größer war die Gefahr eine für sie wichtige Ankunft zu verpassen.
Während sie davon schritt, dachte sie über Delaras Worte nach. Wer, außer ihr, konnte schon sagen wer sie war? Und wenn die Art des Tanzes aus ihren Erinnerungen unbekannt war, vielleicht war es ihre Aufgabe ihn bekannt zu machen?
Sie hoffte weder Delara noch der Mann würden einen Blick in den Himmel werfen, denn ein Teppich würde Dengra nicht so bald verlassen. Ilayda verschwand zwar in diese Richtung, kehrte jedoch wenig später in der Nähe der Brücke zurück. Hinter einem der breiten Pfähle auf denen die Häuser hier erbaut worden waren wartete sie ungeduldig bis sowohl Delara als auch der Mann das Feuer verlassen hatten. Erst dann trat sie aus ihrem Versteck, begab sie sich über die Brücke und entfernte sich schnelle Schrittes von dem Dorf.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 7: Nichts ist verboten, alles ist erlaubt

„Solange Ihr gewinnt, könnt Ihr machen und nutzen, was Ihr wollt“
Delara bint Era

Der Tag hatte ruhig begonnen. Die Sonne hatte sie geweckt, als die ersten Strahlen die Kissen unter dem Zeltdach nahe der Bauernhöfe im Juwel erreichten. Sie hatte sich mit dem was sie auf dem Weg fand gestärkt und hatte sich in die Arena über dem Badehaus zurückgezogen. Der Sand dort wurde nicht ganz so schnell aufgeheizt und das Dach spendete ausreichend Schatten, um während der Übungen nicht zu verbrennen.
Bis zur Mittagsstunde verbrachte sie die meiste Zeit damit zu versuchen die Bewegungen aus ihren Erinnerungen aneinander zu fügen. Meist endete es damit, das sie mit dem Rücken zuerst in den Sand fiel.
Sie wollte gerade einen neuen Versuch wagen, als Delara die Treppen hinauf kam. Ohne sie eines Blickes zu würdigen oder das Wort an sie zu richten schritt die Kommandantin zu den Zielscheiben, untersuchte sie einen Augenblick und ließ auch durch sonst nichts erkennen, das sie von Ilayda überhaupt Notiz genommen hatte.
Die deutlich jüngere hatte sich gerade hingekniet und wollte einen erneuten Versuch beginnen, als Delara vor sie trat und ihr schweigend ein Bündel mit Kleidern hinhielt. Diese waren eigentlich für eine Kaiserliche gedacht, die hier an diesem Ort den Umgang mit dem Bogen oder der Armbrust erlernen sollte, doch nun lagen sie herum.
Frische Kleider waren etwas, dass Ilayda lange nicht mehr getragen hatte und es klang nicht so, als würde im Gegenzug dazu etwas verlangt werden. Nahrung gab es ausreichend im Juwel, denn die Kisten standen jedem offen wie Delara ihr erklärte.
Delara war ihr immer unnahbar vorgekommen. Auch das letzte Treffen konnte sie am Ende nicht anders als kühl beschreiben. Sie wusste noch immer nicht, was sie von der Frau halten sollte. Nur eines war ihr klar - Delara war gefährlich.
Sie hatte nicht erwartet, das an diesem Tag so viele Worte an sie gerichtet werden würden. Ilayda konnte sich auch jetzt, da die Nacht bereits weit fortgeschritten und sie wieder alleine war, nicht vorstellen was genau einmal der Preis sein würde, den sie zu zahlen hatte.
Die Kommandantin hatte ihr ungefragt eine Einführung im Umgang mit einem Bogen gegeben. Auch wenn Ilayda die Zielscheiben nicht getroffen hatte und sich bei ihrem zweiten Schuss selbst mit der Bogensehen verletzt hatte, war es eine lehrreiche Erfahrung gewesen.
Doch die Lehrstunde hatte gerade erst angefangen. Nach dem erfolglosen Versuch die Zielscheiben zu treffen, hatte sie einen Säbel in die Hand gedrückt bekommen. Die Kommandantin hatte vermutlich mehr Jahre an Kampferfahrung gesammelt, als llayda lebte und so verwunderte es sie wenig, dass Delara sich nicht einmal groß bewegen musste um ihre mit wenig Finesse ausgeführten Hiebe abzuwehren.
Der Unterschied zwischen den beiden hätte in diesem Punkt kaum größer sein können. Auf der einen Seite eine Kriegerin, auf der anderen eine Frau, die nach eigener Aussage zum ersten mal in ihrem Leben eine Waffe in der Hand hatte. Diese Aussage war weder wahr noch falsch. Die erste Waffe war „kostenlos“ gewesen, die zweite sucht man sich aus, weil man sich etwas davon erhofft und die dritte, weil man etwas gelernt hat, hatte die Vermummte sinngemäß gesagt. Was bedeutete dies nun im Rückblick für Ilayda, die den Preis für den Dolch noch nicht gezahlt hatte, nun jedoch drei Säbel ihr eigen nennen konnte, auf deren Umgang sie sich genauso gut verstand wie auf dem mit dem Dolch?
Was hatte sie aus dieser Lehrstunde noch mitgenommen? Sei hinterhältig, betrüge, nutze Gift. Niemanden schert es ob du ehrenvoll kämpfst oder nicht, wichtig ist zu gewinnen. Nichts ist verboten, alles ist erlaubt.
Eigentlich hätte es an dieser Stelle gut sein können, doch Delara spürte das Zögern in den Bewegungen der Jüngeren. Konnte Ilayda keine Menschen angreifen, oder war es einfach, das der Unterschied zwischen den Fähigkeiten der beiden Frauen zu groß war? Delara wollte dieser Frage allem Anschein nach auf den Grund gehen und so schritten die beiden wenig später an den Wachen vorbei in die Tiefen der Wüste.
Ilayda trug eine unvollständige Rüstung, zusammengewürfelt aus verschiedensten Ledersorten. Nur ein Rüstungsteil hatte sie abgelehnt. Der Halsschutz hatte Erinnerungen wach gerufen. Delaras Hinweis, dass Mörder einem gerne von hinten die Kehle aufschlitzten konnte sie nicht wirklich überzeugen. Die Erinnerungen waren im Augenblick stärker als die Angst von ihresgleichen heimgesucht zu werden.
Zumindest endete der Ausflug nicht damit, dass Ilayda sich auf dem Wüstenboden wiederfand und sie konnte auch nicht sagen, das sie nun schlechter schlafen würde als vorher, nachdem sie dem Leben mehreren Banditen, welche die Kommandantin ablenkte, ein Ende gesetzt hatte. Zum ersten Opfer des Säbels hatte Delara sie sogar beglückwünscht. Wenig wusste sie, dass es nicht der erste Mann war, welcher durch ihre Hand den Tod fand. Der Säbel machte es unpersönlicher, es war leichter, wenn man nicht die eigenen Finger in die Wunde schlagen musste.
Bei den Untoten verlief es nicht viel anders. Lediglich die Mumien fielen allein den Bolzen der Armbrust zum opfer. Sie verstand es nicht, denn Delara hatte bei keinem ihrer Aufeinandertreffen jemals so viel gesprochen wie an diesem Tag und es sollte noch lange nicht die letzte Überraschung sein.
Ilayda sollte sich die fehlenden Teile der Rüstung fertigen lassen, wenn sie auf einen Gerber namens Magnus treffen sollte und Delara würde mit Johann das Leder besorgen um ihre Kosten gering zu halten. Sie würde Tränke, Salben und Pastillen erhalten, deren Nutzen sie kaum zu erfassen vermochte.
Irgendwann würde sie einen Preis genannt bekommen, denn nur den Tod gab es im Leben umsonst. Sie fragte sich, wann genau sie diesen Preis erfahren würde.

Kapitel 8: Rauch, Gift und Gefahr

„Lass dich fallen und genieße.“
Tasnia

Delara war vermutlich nicht das beste Vorbild wenn es darum ging die Traditionen ihres Volkes und das befolgen selbiger durch Nachahmung zu erlernen. Denn wie sonst lernen Kinder wie sie sich zu verhalten haben, wenn nicht indem sie die Erwachsenen nachahmen, die es wissen sollten.
Ilayda hatte inzwischen mehrfach gesagt bekommen, was nicht gerne gesehen wird, wie man sich zu verhalten habe oder was als unschicklich angesehen werden würde, nur um wenig später genau jenes Verhalten zu beobachten.
Manche Dinge, wie der Dank, war wohl eher eine Regel, alles andere schien ihr, wenn sie darüber nachdachte, mehr eine grobe Richtlinie zu sein. Gezogen nur um von einer Seite auf die andere zu springen und wieder zurück, wie es einem selbst gerade passte, der Umgebung in welcher man sich befand oder in wessen Gegenwart.
Die Kommandantin hielt nicht viel von anderen Menschen im allgemeinen. Man könnte sagen manche waren nützlicher als andere, unabhängig davon welchem Volk sie angehörten.
Wenn es um die Ausbildung im Umgang mit verschiedenen Waffen ging, würde ihre Wahl auf Johann fallen. Er wäre streng, Ilayda würde leiden, doch es würde sich lohnen. Einige Fallen, in welche sie dabei tappen könnte, hatte Delara ihr aufgezeigt und entsprechende Hinweise und Ratschläge gegeben.
In gewisser Weise erinnerte die Kommandantin sie in diesem Gespräch an Tasnia. Es war eine Art Déjà-vu für Ilayda. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass andere ihres Volkes die Möglichkeiten, welche Delara vor ihr ausbreitete gutheißen würden und sie fragte warum und der Grund zeigte nur einmal mehr wie gut die Ältere sie einschätzen konnte.
Es konnte zumindest nicht Schaden es zu versuchen und allein überhaupt etwas über den Umgang mit Waffen zu lernen, würde ihr Leben zumindest nicht verkürzen.
Im Inneren des Zeltes hatte Amin nicht unbemerkt von Delara seine Arbeit aufgenommen. Beide betraten das Zelt erneut und Delara verließ es kurz darauf wieder um Wachs zu besorgen. Ilayda überreichte Amin was wenige Salz, welches sie an diesem Tag erbeutet hatten. Er sollte es mit dem verrechnen, was Delara zahlen würde. In jemandes Schuld zu stehen bedeutete immer das irgendwann einmal der Zeitpunkt kommen würde, an dem diese Schuld eingefordert wurde. Alles zusammengenommen musste das, was Ilayda an diesem Tag bekommen hatte mehr wert sein, als alle Dinge die sie in ihrem bisherigen Leben zusammengenommen besessen hatte.
Als Delara zurück kam begann Amin damit die Dinge, welche sie benötigte herzustellen, während die Kommandantin die Wasserpfeife aus einem anderen Raum holte. Rauchen war Ilayda ebenso fremd wie die Wirkungen, welche der Tabak auf ihren Körper haben würde. Der erste Zug endete in einem kräftigen Hustenanfall und auch beim zweiten wurde es nicht viel besser. Zuerst fühlte sich ihr Rachen und Mund betäubt an, doch das Gefühl verging schnell und wich einer inneren Ausgelassenheit. Sie versuchte das Gefühl zu beschreiben, Amin sammelte Adjektive dafür und besser als anregend, konnte man es kaum zusammenfassen.
Die Kommandantin hatte eine andere Tabakmischung bevorzugt und Amin brachte ihr diese. Ilayda wusste nicht was geschah. Kaum das der Rauch ihre Lungen gefüllt hatte verschwamm ihre Sicht. Trugbilder erschienen vor ihren Augen. Tharn stand auf einmal wieder mit gezogenem Dolch vor ihr. Das konnte nicht sein. Panik breitete sich in ihr aus und sie fiel nach hinten.
Sie hätte die Warnung von Amin nicht ignorieren sollen. Das Trugbild verschwand und ließ sie in einem Zustand der Verwirrung zurück, der kurz darauf in ein angenehmes Gefühl der Wärme überging. Sie befand sich in einem Rauschzustand.
Delara half ihr sich aufzurichten und strich dabei wie zufällig mit den Fingerspitzen über ihre Haut. Dieses Gefühl war Ilayda nur all zu gut bekannt. Damals hatte sie es gehasst, weil es ihr aufgezwungen worden war, doch dieses mal war es wie ein angenehmer Schauer. „Lass dich fallen und genieße“, klangen die verführerisch rauchige Stimme Tasnias aus ihren Erinnerungen an ihr Ohr. Ihre Augen halb geschlossen spürte sie jede Berührung und jeden Schauer, den diese über ihren Körper schickte.
Wäre Amin nicht dort gewesen, hätte sie sich dem Gefühl wohl vollends hingegeben. Sie wusste nicht ob Delara es darauf angelegt hatte und wenn sie später darüber nachdachte, kam ihr einmal mehr der Gedanke, dass diese Frau gefährlich für sie war und zwar auf mehr als nur eine Weise.
Später suchte sie nach einem Vergleich um die Gefühle für sich selbst zu erklären. Ilayda war wie eine Motte, die das Licht suchte und Delara war ein Feuer, das sie verbrennen würde, wenn sie nicht aufpasste.
Es dauerte einige Zeit ehe die Wirkung nachließ und Ilayda wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte. Es war vielleicht ein wenig zu plötzlich, dafür das sie an diesem Tag das erste mal einen Säbel in der Hand gehalten hatte, doch Delara hatte Gift als ein probates Mittel erwähnt und war damit nicht die erste gewesen. Ihr Interesse sich selbst zu vergiften, wenn sie ohne zu wissen was sie tat versuchen würde damit zu hantieren, war gering. Aber da Amin sich damit auskannte, könnte er sie unterweisen. Sie erfuhr was er dafür benötigte. Delara trug nur zwei Worte dazu bei, welche bei Amin zuerst Unverständnis auslösten, doch Ilayda hatte verstanden, was gemeint war. Kleinen Schlangen mit dem Säbel den Kopf abschlagen klang machbar und wenn sie genug Zähne beisammen hatte, sollte sie dem Medikus eine Nachricht hinterlassen.
Ilayda war froh, als sie das Zelt verlassen hatte. Ihr war einer der Hinweise Delaras aus Dengra in Erinnerung geblieben und auch wenn der Tabak noch immer nicht gänzlich verflogen war, war sie wieder klar genug im Kopf um zu verschwinden.
Es war ein langer, ereignisreicher und lehrreicher Tag gewesen.
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 9: Der Dolch im Rücken

„Manchmal wünscht man sich lieber einen Dolch im Leib stecken zu haben, als die Wahrheit in unverblümten Worten gesagt zu bekommen.“

Gedanken in der Nacht

Tage waren vergangen seit jenem Abend bei Amin. Bei Delara klang die Jagd auf Schlangen einfacher, als es sich am Ende für Ilayda darstellte. Wenn es ihr nicht gelang den Kopf schnell vom Körper der Schlange zu trennen, wurde sie von fast jeder mindestens einmal gebissen. Es war lehrreich auf seine ganz eigene Weise, denn nun hatte sie am eigenen Leib gespürt, welche Auswirkungen dieses Schlangengift auf den Körper hatte.
Insgeheim hoffte sie, dass Amin möglichst bald Zeit hätte sie in dem Gebrauch einzuweisen und ihr dabei hoffentlich auch erklären würde wie man sich verhalten müsste, wenn man gebissen wurde. Sicherlich gab es irgendeine Salbe oder Tinktur, welche die Schmerzen der Bisse und das Gift behandeln konnte, nur war diese Ilayda unbekannt.
Von den Dingen, mit denen sie sich befassen musste oder wollte, sollte die Beschaffung der Schlangenköpfe, denn sie hatte nicht gewagt die Zähne selbst zu entfernen, zu den einfacheren Aufgaben gehören. Die fehlenden Teile der Rüstung zu beschaffen sollte sich auch nicht als sonderlich schwierig herausstellen. Fünfundzwanzig Silberstücke würde es in etwa kosten. Eine Summe, die sie zwar dank Delara zusammengetragen hatte, aber sie konnte sich nicht entsinnen jemals etwas von annähernd diesem Wert in ihren Händen gehalten zu haben. Weit später sollte ihr klar werden, dass sie gleich noch eine weitere Rüstung hätte bestellen sollen, denn wenn sie die Rüstung trug bis die übrigen Teile beschafft worden waren, würde sie den Brustschutz wahrscheinlich sofort wieder abgeben müssen. Bislang hatte er gute Dienste geleistet und die Dolche der Banditen in der Wüste von ihrem Körper fern gehalten. Leider sah er dadurch inzwischen fast so mitgenommen aus, wie ihre sonstige Kleidung.
Zu den schwierigeren Aufgaben sollte es gehören, Johann als Lehrmeister zu gewinnen. Delara hatte ihr zwar gesagt wie sie sich in seiner Gegenwart verhalten konnte und wie sie sich während der Ausbildung verhalten sollte, aber mit keiner Silbe erwähnt wie man ihn dazu bewegen konnte jemanden auszubilden. Er hatte deutlich gemacht, dass er seine Zeit nicht verschwenden würde. Ilaydas Vergangenheit kannte er zwar nicht, aber er wusste das irgendetwas darin immer wieder ihre Gedanken beherrschte.
Durchaus tiefsinnige Gedanken Johanns, wie Rao bemerkt hatte, als sie gemeinsam mit der Kommandantin des Juwels an einem der Strände nahe Dengra saßen. Über diesen Mann wusste Ilayda eigentlich gar nichts, außer das Delara ihm vertraute.
Inzwischen wusste sie mehr. Der Mann war aufmerksam und konnte sich aus wenigen Dingen schnell einen Reim auf das ganze Bild machen. Er hielt sich selbst für sehr mächtig und wenn sie den Worten Johanns und Delaras glauben wollte, war diese Einschätzung keine Prahlerei, sondern die Wahrheit.
Um so mehr trafen sie nun im Nachhinein die kalten, ungeschönt wahren Worte, mit denen Delara jede Unterhaltung mit ihr ihm gegenüber und in ihrem Beisein zusammengefasst hatte. Wenn sie früher Fehler gemacht hatte, wurde sie körperlich gezüchtigt, doch die Worte den Kommandantin taten mehr weh.
Sie hatte mit Rao eigentlich nur Belanglosigkeiten ausgetauscht dachte sie, doch aus dem wenigen hatte er erschreckend viele Schlussfolgerungen ziehen können. Im Nachhinein müsste sie ihm dankbar sein, denn Ilayda wusste nicht, ob sie von alleine die Kraft gehabt hätte wirklich über ihre Vergangenheit zu reden, doch da Rao sie beinahe schon enthüllt hatte, fiel es ihr leichter darüber zu reden.
Am Ende ihrer Erzählung deutete sich auf Delaras Gesicht ein Schmunzeln an, was auch immer das zu bedeuten hatte. Die Kommandantin verabschiedete sich und Rao gab Ilayda noch einige weitere Ratschläge mit auf den Weg, über welche sie nachdenken sollte.
Er hatte recht damit, dass sie Entscheidungen treffen musste. Bislang hatte sie eigentlich immer gezögert und alles hinausgeschoben, aber der Zeitpunkt rückte unaufhaltsam näher, wo dies keine gangbare Option mehr war. Wie weit war sie bereit zu gehen um ihr genanntes Ziel zu erreichen?
An diesem Abend saß Ilayda noch lange alleine am Feuer bei den Höfen des Juwels ohne eine Entscheidung zu treffen. Delara hatte sehr pragmatische Ansätze um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, doch Ilayda vermutete, dass nicht jeder diese Bewältigungsstrategien gutheißen würde. Und noch etwas anderes nagte an ihr: irgendwann würde die Frage kommen, wie sie entkommen war...
Ilayda bint Zhaabiz


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Kapitel 10: Feuer, Luft und Wasser

„Wenn er euch fragt, wie ihr für das Juwel von Nutzen sein wollt, sagt ihm ich bilde euch zur Wache aus.“
Delara bint Era

Die letzte Nacht war ihr noch all zu gut in Erinnerung. Sie hatte Glück gehabt oder Pech, das es ausgerechnet Johann war, den sie traf. Hilfe einzufordern oder darum zu bitten fiel ihr nicht leicht. Vielleicht war sie zu stur, oder auch einfach nur zu stolz. Sie wollte es alleine schaffen und das hätte an diesem Abend schlimm ausgehen können.
Der Schlangenbiss an ihrem Knöchel, in welchem noch immer ein Teil des Zahns steckte hatte sich entzündet und ob sie es wirklich alleine geschafft hätte sich zu versorgen, wagte sie im Nachhinein doch zu bezweifeln.
Es gab keine andere Möglichkeit, damit rechtfertigte sie es vor sich selbst, das sie von ihm getragen wurde. Das vermutlich einzig wirklich gute was sie von diesem Abend mitnahm, war der Name des Mannes, den sie des öfteren am Feuer getroffen hatte und die Geschichte von Johann. Gewisser weise war es ein kleiner Einblick, den sie erhielt. Auch in ihrem Zustand, war ihr die Anspielung nicht entgangen. Zumindest etwas hatten Tharn und Johann gemeinsam, das würde sie im Hinterkopf behalten.
Die nächsten Tage belastete sie ihr Bein nur wenig. So ganz traute sie dem ganzen nicht, auch wenn Johann den Eindruck gemacht hatte schon mehr als einmal etwas aus einer Wunde geholt zu haben und diese anschließend zu behandeln.
Ilayda war gerade dabei den Verband zu entfernen, als Delara die Bank des Juwels betrat. Eigentlich wollte sie nur nach etwas essbarem suchen und anschließend herausfinden, ob sie ihren Fuß schon wieder vollkommen belasten konnte, doch die Kommandantin hatte offenbar andere Pläne.
Die Worte waren wieder gewohnt kurz, wie Befehle denen man besser folgen sollte. Ilayda wollte nicht herausfinden, was geschehen würde, wenn sie nicht folgte. Sie wusste nicht ob es Delara verärgern würde und auch wenn sie das Gefühl hatte kaum etwas zu wissen, war ihr klar, dass sie diese Frau lieber nicht zur Feindin haben wollte.
Im Juwel gab es normalerweise kein Fleisch, zumindest hatte Ilayda es noch nirgendwo gesehen. Anders als das was sie gewohnt war, gab es hier hauptsächlich Obst und Brot zu essen. Um so verwunderter war sie, als Delara zwei Holzbretter bestückte und sich darauf fast nur Fleisch befand. Das Wasser lief ihr im Munde zusammen, noch bevor sie ihre Zähne zum ersten mal in die saftige Rehkeule schlagen konnte.
Sie hörte zu, während Delara sprach und auf diese Weise füllten sich teilweise die Lücken in den Geschichten die sie gehört hatte. Ein „Hmm“ von Delara konnte vieles bedeuten. Als Antwort darauf, dass Ilayda mehr als nur einen orkischen Bauern in einer Schlucht erschlagen hatte, glaubte sie fast so etwas wie Achtung herauszuhören. Dass sie nicht davor zurückschrecken sollte Alchemie zu verwenden konnte sie aus Delaras Reaktion auf die Verneinung der Frage ableiten.
Wenn sie alleine waren, war Delara weit gesprächiger als sonst. Aufforderungen denen Ilayda besser folge leisten sollte waren in kurze Sätze verpackt, wenn die Kommandantin jedoch etwas erklärte, dann war es besser genau so zu handeln, wollte sie nicht unnötiger weise in Schwierigkeiten geraten.
Die Frage wo Ilayda schlafen würde beantwortete sie wahrheitsgemäß. Das Feuer bei den Höfen oder die Höhle zwischen dem Juwel und der Blume waren seit sie hier war ihre Schlafplätze gewesen. Offenbar waren diese Schlafplätze in den Augen Delaras jedoch nicht geeignet.
Ohne Vorwarnung erhob diese sich und forderte Ilayda auf alles liegen zu lassen und ihr zu folgen. Sie wurde in ein Zimmer geführt, einfach eingerichtet im Vergleich zu dem in Tharns Anwesen, doch es war sauber. Es hätte ausgereicht zu sagen das sie hier schlafen sollte, doch Delara sagte mehr als das. Es handelte sich um ihr altes Zimmer.
Anschließend wurde sie durch das Anwesen geführt mit Hinweisen wo sie wen antreffen könnte, wenn sie denjenigen suchen würde. Issam gegenüber sollte sie alle Ratschläge und Hinweise die Wüste betreffend leben, bläute ihr Delara ein. Ilayda sollte ihm bei ihrem ersten aufeinandertreffen sagen, dass sie über ihr Volk lernen wolle, dass Delara ihr das Zimmer zugewiesen hatte und sie einen Schlüssel bekommen sollte. Alles in Allem sollte sie davon Ausgehen, dass Issam das komplette Gegenteil ihres eigenen Wesens war.
Bislang hatte Ilayda darauf verzichtet die Kleider zu tragen, welche die Kommandantin ihr in der Arena gegeben hatte, doch wenn sie hier wohnte, musste sie zumindest ihre dreckige und zu viel Haut zeigende Hose wechseln.
Die Antwort auf die Frage wie Ilayda für das Juwel von nutzen sein wollte, diktierte ihr Delara ebenfalls. Gefragt, ob sie diesen Weg überhaupt einschlagen wollte wurde Ilayda nicht.
Sie war klug genug nicht zu widersprechen und irgendwo in den hintersten Winkeln ihres Geistes regten sich auch Zweifel, dass Delara wirklich erwartete, dass Ilayda diese Aufgabe erfüllen würde.
Es kam ihr vor wie eine Antwort, welche gegeben werden sollte um keine Fragen entstehen zu lassen, bei deren Beantwortung Ilayda nur noch mehr Fragen aufkommen lassen würde.
Die Aussicht vom Turm aus war atemberaubend. Dies war Delaras Bereich, wenn sie die Kommandantin suchen würde, sollte sie hierher kommen.
Private Gäste brachte die Kommandantin wohl meist hier hinauf, weshalb Ilayda sich daran gewöhnen sollte hier oben zu sein.
 
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