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Geron von Tess war früh im Palast. Nicht, weil er ungeduldig war, sondern weil er wusste, dass sich manche Entscheidungen nicht im Ratssaal, sondern auf den Wegen dorthin vorbereiteten.
Er stand nahe einer der steinernen Säulen im Vorgarten, halb im Schatten, halb im Blickfeld, und tat, was er seit Jahrzehnten tat: beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Etwas abseits und wartend stand Sirea von Antares bereits, sie blickte gezielt in eine Richtung.
In seine Richtung. Meron von Antares erschien ohne Gefolge, ohne Eile. Sein Schritt war ruhig, gleichmäßig, wie der eines Mannes, der wusste, dass man ihm Platz machen würde, ohne dass er darum bitten musste. An seine Seite ging Sirea, sie hatte ihren Vater wohl vor dem Ratssaal erwartet.
Sie sprach leise, und Geron verstand die Worte nicht. Doch er sah die Haltung: Nicht unterwürfig, durchaus respektvoll, aber dieses verspielte Lächeln...
Meron antwortete knapp. Seine Stimme blieb niedrig. Ein Befehl war es nicht. Eher eine Feststellung. Sirea nickte, trat von ihrem Vater zurück und sprach wohl ihren Abschied aus, denn sie ging dann. Meron blieb zurück, der blickte auf seine Hand. Die Miene von Meron von Antares in diesem Moment hierließ bei Geron ein sehr ungutes Gefühl: Er erkannte eine leichte Färbung der Haut, eine Rötung. Falten entstanden, Anspannung wurde sichtbar. Doch dann ging Meron.
Geron zog die Brauen minimal zusammen.
So beginnt es also, dachte er. Leise und davor. Hier.
Im Ratssaal nahm jeder seinen Platz ein. Johann von Blum stand bereits, nicht im Mittelpunkt, sondern dort, wo man ihn inzwischen erwartete. Neben ihm Sirea, nun wieder förmlich, die Hände gefaltet, der Blick ruhig.
Meron setzte sich, legte die Hände auf die Armlehnen, und blickte geradeaus. Kein Wort, kein Blick zu Johann. Geron setzte sich und wartete. Er wartete auf den Angriff. Er kannte Meron von Antares zu gut, um nicht zu wissen, dass dieser Mann nicht zusah, wie ein anderer Macht gewann, ohne zumindest zu versuchen, sie ihm streitig zu machen. Und heute bot sich Gelegenheit genug: Johann, die Klinge des Kaisers, Delila, die Rückkehrerin, die Kirche, die noch keine Prüfung vorgenommen hatte. Als Arane Sonnenglanz aufstand, wurde es still.
„Der Kaiser hat seine Tochter gesehen“, sprach sie ruhig. „Die Kirche Avias hat geprüft, was zu prüfen war. Delila ist zweifelsfrei von kaiserlichem Blut.“
Ein leises Murmeln ging durch den Saal. Fakten von der Kirche, die keinen Widerspruch und keinen Zweifel erlaubten. Geron nahm Erleichterung wahr. Er spürte sie selbst – nicht als Freude, sondern als ein Nachlassen der Spannung, wie wenn ein Schwert endlich gesenkt wird. Er sah Delila an. Sie stand ruhig, den Blick gesenkt, kein Schmuck, keine Insignien. Sie wirkte nicht wie eine, die eben zur Hoffnung eines Reiches erklärt worden war. Eher wie eine, die wusste, dass Hoffnung eine Last war und ein wenig hatte Geron bei ihrem Anblick das Gefühl, als hätte sie etwas von der Rauhheit des Nordens ins Reich mitgebracht. Drachenblut, dachte Geron zudem. Ein Wort, das man gern benutzte, wenn man etwas nicht erklären konnte. Er glaubte nicht an Mythen, aber er glaubte an Wirkung. Und diese Worte wirkten.
Meron rührte sich nicht. Jetzt, dachte Geron. Doch der Angriff kam nicht. Hortas von Okram erhob sich. Seine Stimme war ruhig, getragen, von jener Art, die Recht nicht als Drohung, sondern als Schutz verstand.
„Die Frage der Legitimität ist geklärt“, sagte er. „Was bleibt, ist die Frage der Verantwortung. Der Kaiser ist nicht handlungsfähig. Der Prinz steht unter Obhut der Kirche. In einer solchen Lage schuldet das Reich seiner Tochter Schutz – und Ordnung.“ Er wandte sich Delila zu. „Solange Euer Vater und Euer Bruder Euch nicht zur Seite stehen können, steht Euch mein Haus offen. Natürlich als freundschaftliches Angebot, nicht als Obligation. Ihr müsst nicht allein sein.“
Delila neigte den Kopf. Kein Wort. Kein Zögern. Geron sah, wie Merons Blick kurz zu ihr wanderte – und dann zu Sirea. Sirea saß still. Doch sie wich diesem Blick nicht aus. Meron sprach schließlich. Nur ein Satz.
„Es erleichtert mich“, sagte er, „dass diese Frage geklärt ist.“
Nicht mehr. Geron spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Das ist kein Nachgeben, dachte er. Das ist ein Rückzug. Sein Blick glitt erneut zu Sirea. Sie zeigte nichts. Keine Genugtuung, keine Anspannung. Sie wirkte, als hätte sie diesen Moment erwartet. Als Geron selbst sprach, tat er es mit Bedacht.
„Herkunft und Schutz sind notwendige Schritte“, sagte er. „Doch sie tragen kein Reich allein. Wir müssen festlegen, wer handelt, wer schützt, wer spricht. Nicht um Macht zu bündeln, sondern um sie nachvollziehbar zu machen.“
Er sah Johann an, dann Delila. „Unklarheit ist ein Nährboden. Das Reich hat davon genug gesehen.“
Akaron folgte ihm, kühl, präzise, wie zu erwarten. Er sprach von Einbindung, von Definition, von Stabilität. Geron hörte zu – und dachte an etwas anderes. An den Moment im Vorgarten. An die Mimik. An das Schweigen Merons.
Als Hortas fragte, ob noch jemand etwas hinzuzufügen habe, blieb Krius still und enthielt sich. Geron sah noch einmal zu Meron und Sirea. Wenn Meron schweigt, dachte er, dann hat jemand gewonnen. Und ich bin mir nicht sicher, ob es Johann war. Er fragte sich, ob die anderen verstanden hatten, was er verstanden hatte. Ob Arane Sonnenglanz in Merons Schweigen mehr erkannt hatte als bloße Zurückhaltung - ob sie die Spannung gespürt hatte, die nicht aus Zweifel, sondern aus gezügeltem Zorn geboren war. Ob Akaron Gwellsing das Fehlen des Angriffs bereits als Datenpunkt verbucht hatte, als Anomalie in einem sonst so berechenbaren Muster. Und ob Hortas von Okram, bei aller wohlmeinenden Ordnungsliebe, verstanden hatte, dass Recht allein nicht erklärt, warum ein Mann wie Meron von Antares heute den Mund hielt.
Vielleicht hatten sie es gesehen. Vielleicht auch nicht.
Geron wusste nur eines: Männer wie Meron schwiegen nicht, wenn sie nichts zu verlieren hatten. Sie schwiegen, wenn der nächste Zug bereits getan war - nur eben nicht auf diesem Brett.
Er strich sich über den Bart. Wenn ich es bemerkt habe, dachte er, dann werden es andere auch tun. Und wenn nicht heute, dann bald. Das Reich, so schien es ihm, hatte eine Erbin zurückgewonnen. Doch es hatte auch begonnen, anders zu funktionieren. Und Geron war sich nicht sicher, ob es bereits wusste, wessen Hand nun den Takt vorgab.
Johann hatte jetzt die Wahl noch einmal das Wort zu ergreifen oder zu schweigen. Danach würde der Rat sich wohl für heute auflösen.
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Geron von Tess hatte den Blick bereits auf Johann gerichtet, als sich die Tür zum Ratssaal ein weiteres Mal öffnete.
Meron von Antares trat ein, ohne Eile, ohne Ankündigung. Kein Wort wurde gesprochen, kein Gruß ausgetauscht. Er setzte sich auf seinen Platz, als habe er ihn nie verlassen, und doch war in seiner Haltung etwas Verschobenes, Unruhiges. Geron sah es sofort. Die Schultern waren angespannt, die Hände ruhten zu fest auf der Armlehne, als müssten sie etwas niederhalten.
Johann bemerkte ihn nicht.
Oder, so dachte Geron, er tat zumindest nicht so.
Johann sprach weiter, ruhig, beinahe nüchtern, und trug seine Darstellung vor, als sei sie eine Abfolge von Tatsachen, nicht von Entscheidungen. Keine Rechtfertigung, keine Anklage. Nur Beobachtung, Schlussfolgerung, Handlung. Geron kannte diesen Tonfall. Ein Kämpfer, der es gewohnt war, nach dem Kampf Bericht zu erstatten, nicht nach einer Intrige.
Während Johann von dem Phänomen sprach – dem Inzest, wie er es offen nannte –, wanderte Gerons Blick kurz zu Arane Sonnenglanz. Die Priesterin verzog keine Miene, doch ihre Aufmerksamkeit war vollkommen. Sie hörte nicht nur zu, sie prüfte. Worte, Pausen, das Ungesagte. Aber Geron war auch sofort klar: Für Arane war das nicht neu. Johann und sie hatten sich bereits vor dieser Sitzung ausgetauscht. Vermutlich mehrfach.
Meron hingegen kochte.
Geron sah es an der Art, wie dessen Blick sich verengte, sobald Johann den roten Konvent erwähnte. Aus Ärger. Ärger darüber, dass diese Geschichte nicht von ihm kontrolliert wurde. Ärger darüber, dass Johann sprach – und der Rat zuhörte.
Als Johann den Moment schilderte, in dem Sirea von Antares den entscheidenden Hinweis geliefert hatte, wandte sich Gerons Blick unwillkürlich der jungen Frau zu.
Sie saß aufrecht, die Hände gefaltet, den Blick auf Johann gerichtet. Keine demonstrative Zustimmung, kein Lächeln. Nur Konzentration. Sie wusste, was auf dem Spiel stand. Und sie wusste offenbar, wann es besser war, nichts zu zeigen.
Sie hat mehr verstanden, als ihr Vater ihr je zugestanden hätte, dachte Geron.
Als Johann von dem Nest unter der Stadt sprach, von der Befreiung der echten Delila, da begann sich in Geron etwas zu formen, das er nur ungern zuließ: Respekt. Nicht für den Mut – der war leicht zu haben –, sondern für die Zurückhaltung danach. Für das Verbergen, das Zögern, das Abwarten.
Ein ungeduldiger Mann hätte die Tochter des Kaisers triumphierend vor den Rat gezerrt.
Johann hatte sie verborgen.
Zu Recht, dachte Geron. Oder zu klug. Oder aus einem ähnlichen Fanatismus auf der Jagd gegen den roten Konvent, wie man ihn Urias von Dengra nachsagte.
Er bemerkte, dass Meron bei diesen Worten nicht mehr stillsaß. Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch dessen Kiefer, als Johann erklärte, bewusst nichts über den Aufenthaltsort der Delila wissen zu wollen. Das war kein Ärger mehr. Das war Furcht. Oder zumindest die Erkenntnis, dass hier etwas geschehen war, das sich seiner Reichweite entzog.
Johann endete ohne Nachdruck. Er schwieg - und der Saal schwieg mit ihm.
Für einen Moment schien es, als sei der Rat tatsächlich geeint in diesem Schweigen.
Dann öffnete sich erneut die Tür.
Ein Priester trat ein, das Gewand der Kirche Avias noch vom Gehen bewegt. Er verbeugte sich kurz, formell, und sprach mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme:
„Eminenz Sonnenglanz. Der Kaiser wünscht, die hochedelste Tochter Delila unverzüglich zu sehen.“
Ein kaum hörbares Einziehen von Atem ging durch den Raum.
Geron sah, wie Arane Sonnenglanz langsam aufstand. Kein Zögern, kein Widerspruch. Nur ein kurzes Nicken.
„Ich werde sie begleiten“, sagte sie ruhig. Eine nachdrückliche Feststellung.
Meron senkte den Blick. Für einen Herzschlag nur. Doch Geron entging es nicht.
Hortas von Okram erhob sich nun ebenfalls. Seine Stimme war fest, getragen von Autorität.
„Die Sitzung des Rates wird hiermit vertagt. Wir setzen sie morgen bei Sonnenaufgang fort.“
Kein Einspruch erhob sich.
Während sich der Saal langsam leerte, blieb Geron einen Augenblick sitzen. Er sah Johann an, dann Sirea, dann den leeren Platz neben Meron.
Das Reich atmet auf, dachte er.
Aber seine Prognose für die morgige Zukunft war, dass ein Kampf mit Worten bevorstand.
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Geron von Tess nahm seinen Platz ein, wie er es immer tat: ohne Eile, mit einem Blick für den Raum, der wirkte als wäre es mehr eine strategische Angelegenheit anwesend zu sein. Der Ratssaal war derselbe wie stets - Marmor, feines Holz, Banner, das Wappen des Reiches über allem -, und doch lag heute etwas anderes in der Luft. Dieses leises Zischeln vor der Sitzung fehlte, das es sonst gab. Stattdessen eine gespannte Erwartung, wie man sie kannte, denn ein Gerücht hatte seine Runde gemacht.
Er bemerkte es an den Gesichtern.
Hortas von Okram wirkte gesammelt, beinahe gelöst. Arane Sonnenglanz saß aufrecht, die Hände ruhig gefaltet, die Augen wachsam, aber nicht scharf. Selbst Akaron Gwellsing schien weniger abwesend als sonst; sein Blick ruhte nicht auf Pergamenten, sondern auf der Tür, durch die gleich jemand eintreten würde.
Meron von Antares war noch nicht erschienen. Geron registrierte das - und behielt es für sich.
Dann öffnete sich die schwere Tür.
Zuerst trat Krius von Dengra ein, geschniegelt wie immer, mit jener stillen Selbstsicherheit eines Mannes, der wusste, dass er heute etwas vorzuweisen hatte. Das war deshalb so ersichtlich, da Krius von Dengra wirklich sehr selten diese Selbstsicherheit ausstrahlte. Einen Schritt hinter ihm - und das ließ selbst Geron unwillkürlich die Hand an der Lehne fester schließen - kam sie.
Die Kaiserstochter.
Delila.
Oder zumindest: diejenige, die diesen Namen nun wieder trug.
Sie war ohne Schmuck, nicht in jenen zeremoniellen Farben, die man von einer Tochter des Kaisers erwartete. Stattdessen trug sie schlichte, hochwertige Kleidung aus Seide, fest im Schnitt, ohne Prunk. Ihre Haltung war gerade, ihr Schritt sicher, beinahe militärisch. Geron sah sofort: Das war nicht mehr das schwache Mädchen, das er kannte. Das war jemand, der gelernt hatte, Gewicht zu tragen. Ihre Haare waren anders, nicht das blond des kaiserlichen Drachenblutes. Es gab einen rötlichen Farbton, der absolut unüblich für das Reich der Mitte war.
Für einen Herzschlag lang geschah nichts.
Dann bemerkte Geron etwas, das ihn mehr überzeugte als jedes Siegel: Er sah, wie Arane Sonnenglanz den Kopf leicht neigte - nicht in Begrüßung, sondern in Prüfung. Und er sah, wie sich in ihrem Blick etwas löste. Nicht Gewissheit. Aber Hoffnung.
Johann von Blum stand bereits im Saal. Er war nicht im Mittelpunkt oder herausgehoben. Er hatte sich vermutlich strategisch bewusst etwas zurückgenommen, neben Sirea von Antares, die heute ebenfalls offiziell an seiner Seite anwesend war. Geron musterte sie ebenfalls. Jung. Wach. Lauernd. Voller Widersprüche. Sie hielt sich gerade genug, um nicht zu verschwinden, und zurückhaltend genug, um nicht herauszufordern.
Ein kluger Schachzug, dachte er unwillkürlich.
Oder ein gefährlicher.
Krius räusperte sich. Es war kein lautes Geräusch, doch es reichte aus, um den Saal zu sammeln.
„Hochgeehrte Mitglieder des Rates“, begann er, und seine Stimme trug ungewohnt viel Tiefe. „Wir sind heute zusammengekommen unter Umständen, die vor wenigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte. Der Kaiser lebt, doch ist er geschwächt. Der Prinz ist am Leben, doch seiner Zukunft beraubt, solange die Kirche um seine Genesung ringt.“
Er machte eine kurze Pause - gerade lang genug, um den Blick der Anwesenden auf Delila zu lenken.
„Und dennoch“, fuhr Krius fort, „steht heute ein Mitglied des kaiserlichen Hauses wieder unter uns. Eine Tochter des Kaisers, die weder gefallen ist, noch war sie geflohen und schon gar nicht wurde sie von uns vergessen - sie war verborgen und sie wurde geschützt.“
Geron spürte es deutlich:
Erleichterung.
Es war ein kollektives Aufatmen. Das Reich hatte wieder eine Linie. Einen Anker. Eine Möglichkeit.
Er selbst war vorsichtig. Zu viel war geschehen. Zu viele Masken waren gefallen, um nun blind zu vertrauen. Und doch - diese Delila stand anders da als jene, die man verloren glaubte. Kein süßer Blick, kein höfisches Lächeln. Nur ein ruhiger Ernst.
Arane Sonnenglanz verschränkte nun langsam die Finger. Sie hörte jedes Wort, das Krius sprach, als würde sie es abwägen wie eine Münze, die man auf Echtheit prüft.
„Bevor wir zu Fragen und Prüfungen schreiten“, sagte Krius weiter, „halte ich es für angemessen, dass jener, der diese Rückkehr möglich gemacht hat, selbst das Wort ergreift.“
Er wandte sich Johann zu.
„Johann von Blum“, sprach er ruhig, „die Klinge des Kaisers ist heute mehr als ein Titel. Ich bitte Euch, dem Rat darzulegen, wie es zu diesen Ereignissen kam.“
Geron lehnte sich minimal zurück.
Jetzt also.
Er sah, wie Johann einen Atemzug nahm. Nur ein Mann, der wusste, dass jedes Wort, das nun folgte, das Reich weitertragen - oder erneut ins Wanken bringen konnte.
Der Saal wurde still.
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Wie üblich wünschen wir uns alle hier frohe Weihnachten und einen guten Rutsch, weil es wieder doppelt so viele RP- und Talentpunkte in diesen Tagen gibt.
Viel Spaß damit.
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Der Sturm hatte sich gelegt, doch der Schnee blieb tückisch. Er lag hoch zwischen den Dörfern, pulverig und fein, dass jeder Schritt das Knirschen von Glas machte. Der Bote war schon von Weitem zu hören. Ein dumpfes Stampfen seiner Stiefel, das scharfe Keuchen eines Mannes, der bereits eine Weile unterwegs war.
Als er endlich das Langhaus der Eiszapfenhalbinsel erreichte, war sein Mantel steif gefroren, das Fell an den Rändern von Eis verkrustet. Er stützte sich auf einen Speer, den er mehr als Gehstock denn als Waffe trug.
„Aelia vom Bärenclan?“ Seine Stimme war rau. „Ey komm von de Stadt am Rande der Welt... vonne Langhaus.“
Er trat ein paar Schritte weiter, die Wärme des Feuers am Eingang schlug ihm ins Gesicht. Das Holz knisterte, und der Dampf, der von ihm aufstieg, ließ ihn für einen Moment aussehen, als würde er brennen.
„Es geht um Lykke.“
Er senkte den Blick, als suche er nach den richtigen Worten.
„Ey hab se vor... drei, vielleicht vier Tagen zuletzt gesehen. Se war schwach, als hätt se Fieber, aber se redete ney drüber. Ging unten inne Keller unter de Langhaus. Sagte nur, se müsse was prüfen... allein. Falls de Hexe oder de Druide kommt, solln se rein. Seitdem... jo, isse da. Kaum Licht dort unten, key Laut. Ey... ey wollt ney stören, aber es is ney richtig, Aelia. Da stimmt was ney in de Keller, da spukts, wenne mey fragst.“
Er sah zu Boden, dann wieder zu Aelia.
Er schwieg, schwer atmend, die Hand noch auf dem Speergriff. Draußen schlug der Wind wieder an das Holz, und ein paar Flocken wehten durch den Spalt der Tür.
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Alles war still, doch unter der Stille vibrierte Spannung, als würde jeder Atemzug aufgeladen mit unausgesprochenem Urteil.
Geron von Tess lehnte sich leicht zurück, die Hände schoben sich vor seinem Bauch ineinander und er spürte kalte Metall seines Kettenhemds unter dem Waffenrock. Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht, prüfend, lauernd, wie man Gegner im Ring abtastet, ehe man das Schwert hebt.
Er hatte Johann beobachtet, als dieser sprach: rau, unbeholfen, doch mit einer seltsamen Aufrichtigkeit. Der Mann war kein geschulter Redner oder Hofmann. Er war ein Kämpfer, der sich in diesen Saal verirrt hatte, so kam es Geron vor. Aber einer, der seine eigenen Schatten mitbrachte.
Als der Schreiber die Abstimmung ankündigte, erhob sich ein leises Murmeln. Die Mitglieder des Rates sprachen kaum, doch jeder wusste, wohin die Waage sich neigen würde.
Arane Sonnenglanz gab ihre Stimme mit der Gelassenheit einer, die schon vorher entschlossen war. Ihre Hände ruhten gefaltet, als spräche sie ein Gebet, doch ihre Worte waren fest:
„Im Namen Avias und der Kirche: Ja.“
Hortas von Okram nickte nur, ehe er tief, beinahe grollend sprach:
„Das Haus Okram stimmt zu.“
Krius von Dengra, dessen Blick kurz zu Johann hinüberglitt, lächelte knapp. „Das Haus Dengra steht. Ja.“
Akaron Gwellsing war der letzte, der sprach, ehe die Stille sich wieder senkte. Er stand auf, glatt wie eine dunkle Feder, und seine Worte schnitten die Luft wie ein Messer.
„Ich stimme zu - unter der Bedingung, dass die Klinge des Kaisers nicht blind schlägt. Ihr werdet beraten, Herr von Blum. Von Kundigen aus den Häusern, Heer, Kirche oder Magie. Eure Hand bleibt geführt, solange sie im Sinne des Reiches schlägt.“
Er verneigte sich kaum merklich und setzte sich wieder, ohne jemanden anzusehen.
Dann war da Meron.
Geron wusste schon vorher, was kommen würde, und doch, als Meron sich erhob, spürte er das gleiche Unbehagen, das man fühlt, wenn ein Sturm zu lange am Horizont gestanden hat und nun endlich losbricht. Und die Stadt war mit ihrer dem Meer zugewandten Ostseite jährlich von solchen Stürmen aufgesucht worden.
„Das Haus Antares lehnt ab,“ sagte Meron. Er schmückte weder etwas aus, noch kommentierte er weiter. Es waren nur diese vier Worte - und doch klangen sie wie eine Drohung. Wie es sich für Meron von Antares auch gehörte.
Geron von Tess blieb still. Sein Herz schlug ruhig, doch sein Geist arbeitete.
Vier Stimmen für Johann, eine dagegen, eine Enthaltung - seine.
Er hatte sich entschieden. Er war nicht feige. Es war aus Vernunft.
Was, fragte er sich, wenn Meron recht hatte? Wenn Johann wirklich mehr wollte als nur handeln?
Aber ebenso: Was, wenn er unrecht hatte und der Rat gerade den einzigen Mann, der handeln konnte, zu Fall bringen würde, nur weil alte Häuser zu stolz waren, ihre Knie zu beugen?
Er hatte sich enthalten, um sich eine Tür offen zu halten, für ihn war das eher unüblich. Doch während er Meron beobachtete, der mit unbewegter Miene und gefalteten Händen dastand, überkam ihn ein leises Frösteln.
Meron hatte ihm während der Abstimmung, kaum hörbar, zugeflüstert:
„Ein Bastard des Hauses Antares - das steht in den Archiven der Kirche, Geron. Vielleicht hast du eben einem Blutsverwandten von mir die Klinge gegeben, die dich eines Tages trifft.“
Geron hatte darauf nichts erwidert. Nur ein kaum sichtbares Zucken war über sein Gesicht gehuscht.
Ein Bastard also.
Er wußte nicht, ob er Meron glaubte, doch er wußte, daß der Gedanke gefährlich war. Wenn es stimmte, dann lag für Meron in Johann keine Bedrohung, sondern ein Werkzeug. Eine Waffe, die man heimholen konnte.
Warum also hatte Meron nicht längst genau das getan?
Geron verstand es nicht – oder wollte es nicht verstehen. Vielleicht war es Stolz. Vielleicht Furcht. Vielleicht beides.
Die Sitzung endete. Johann war nun, durch Mehrheitsbeschluß, die Klinge des Kaisers - gebunden an Rat und Reich, doch mit einer Macht, die niemand im Raum recht fassen konnte.
Als Geron den Saal verließ, blieb er einen Augenblick stehen, lauschte den Schritten hinter sich.
Er sah Meron im Gespräch mit einem Boten, Arane und Hortas beisammen, Akaron bereits im Begriff, den Saal zu verlassen. Nur Johann stand noch dort, einen Moment allein, und sah auf die Wappen über dem Ratstisch.
Geron spürte, wie sich etwas Unruhiges in seiner Brust regte. Es war nicht Misstrauen und auch nicht sonstiger Groll - eher das dumpfe Gefühl, dass sie alle Zeugen eines Schritts gewesen waren, dessen Folgen niemand abschätzen konnte.
Er ging.
Draußen hatte der Wind aufgefrischt, und über der Stadt spannte sich der graue Himmel wie ein gespanntes Banner.
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Die Luft war geladen. Es schwelte etwas in der Stille, die keine echte Stille, sondern mehr das Abhandensein von Stimme - von Gesprochenem - war.
An den Gesichtern der einzelnen Ratsmitglieder waren bereits erste Emotionen oder Gedanken ablesbar.
Es gab eine unausgesprochene Ordnung, wer nun zu antworten hatte, die im Grunde gleichzeitig die Sitzordnung war.
Meron von Antares lehnte sich zurück, die Finger ineinander verschränkt. Seine Augen blitzten scharf.
„Eine hübsche Rede, Edler von Blum. Sauber vorgelesen. Aber nichts anderes als ein Versuch, euch Macht zu sichern, die euch nicht gebührt. Ihr wart mein Lehnsmann, ein Werkzeug, ein Krieger – nicht mehr. Jetzt wollt ihr euch Klinge des Kaisers nennen und den Rat gleichsam übergehen können, wenn er sich nicht nach eurem Willen beugt? Wie sollen wir sicher sein, dass ihr euch nicht zum Tyrannen erhebt?“
Seine Worte hallten schwer durch den Raum. Ein Raunen war von einigen Bediensteten zu hören, die am Rand standen. Merons Blick wandte sich von Johann ab, denn er begann nun die anderen Ratsmitglieder prüfend und nach einer Reaktion Ausschau haltend anzusehen.
Geron von Tess zog unterdessen seinen verzierten Waffenrock enger um die Schultern. Er zeigte 2 schwarze Schwerter unter einer gelben Sonne auf orangefarbenem Hintergrund. Geron runzelte die Stirn, doch seine Stimme war gemessen:
„Man mag dir Taten zugestehen, Ritter. Aber wir kennen dich nicht. Du bist ein Name in Dengra, doch für den Rat bist du ein Fremder. Warum sollten wir dir solches Vertrauen geben? Was unterscheidet dich von jedem ehrgeizigen Emporkömmling?“
Er sprach nicht feindselig, eher wie ein Mann, der wissen wollte, wer ihm da gegenüberstand. Seine Art war seit jeher tendenziell informell bis ruppig und das zeigte er nun.
Da meldete sich Akaron Gwellsing zu Wort. Seine Stimme war kühl, gleichsam sezierend.
„Eine Klinge allein ist ein Werkzeug. Doch ein Werkzeug ohne Hand wird stumpf. Ich höre in euren Worten viel Kraft, Edler von Blum – doch was ich vermisse, ist Verstand. Wer oder was soll euch lenken? Wollt ihr als Klinge des Kaisers handeln, so nehmt euch Berater und Kundige – aus den Resten des Heers, von den Häusern, aus der Kirche, aus der Magie. Sonst werdet ihr nicht mehr sein als ein Dolch im Dunkel, und davon haben wir im Reich schon genug.“
Akarons Stimme hatte einen durchaus herablassenden, belehrenden Tonfall. Doch seine Worte machten klar, was rational betrachtet für ihn wichtig zu sein schien, um die Sache nicht nur zum Erfolg zu führen, sondern ihr auch eine gewisse Stabilität verleihen zu können.
Arane Sonnenglanz beugte sich nach vorn, die Hände auf den schweren Holztisch vor ihr gelegt. Ihre Stimme war sanft, aber natürlich war sie erfahren, charismatisch und wusste Worte sehr gut zu nutzen.
„Meron, eure Worte sind zu hart. Dieser Mann hat der Kirche Beweise geliefert, wo andere nur Gerüchte brachten. Er hat im Verborgenen gegen den roten Konvent gearbeitet und Beweise für seinen Erfolg geliefert. Was er verlangt ist zudem nur das, was er auch für die Auflösung der Lage benötigt: Handlungsfähigkeit. Wenn wir weiter zaudern, verlieren wir das Reich am Ende an jene, die längst in unseren Schatten wühlen.“
Hortas von Okram nickte zustimmend. Seine weißen buschigen Augenbrauen und der weiße Bart umrahmten ein altes Gesicht und harte Augen blickten zu Johann. Seine Stimme war schwer und tief.
„Eine Klinge ist besser als ein leeres Schwertgehänge. Ich sehe keinen Grund, warum wir ihm die Hand nicht reichen sollten. Das Haus von Okram stimmt zusammen mit der Kirche.“
Krius von Dengra musste lange warten. Er lächelte schief. Eine Geste, die niemand von ihm erwartet hatte, denn dass er überhaupt lächelte musste eine Seltenheit sein. Insgeheim war er aber oft eine Art Quertreiber, der gegen eine gewisse Ordnung und Borniertheit des Rats arbeitete, wann immer es nur ging. In diesem Fall sprach er mit einiger Genugtuung:
„Das Haus von Dengra steht hinter Johann von Blum. Er hat mein Vertrauen. Möge er diesen Rat von dessen Verantwortungslosigkeit der letzten Monate befreien.“
Nach diesen Worten senkte sich erneut Stille. Meron schnaubte, Geron rieb sich über den Bart, Akaron blickte zu Krius von Dengra und schloss dann für einen Moment die Augen. Die Luft war geladen, als wartete der Saal selbst auf den nächsten Schlagabtausch.
Schließlich erhob sich ein Schreiber, ein unscheinbarer Mann im grauen Gewand.
„Höchstverehrteste Ratsmitglieder - diese Vorgänge sind ein absolutes Novum in der neueren Geschichte des Kaiserreichs. Untertänigst und mit der euren Erlaubnis würde ich nun in aller Bescheidenheit eine Abstimmung vorbereiten, während der edle Johann von Blum noch ein letztes Wort an die Teilnehmer richten kann. Wäre dies in allseitigem Interesse?“
„Gut, dann soll er nochmal reden“, sprach Geron, der sich keiner Gegenworte, sondern aufkeimender Unruhe gegenüber sah. Anwesende hatten bereits zu tuscheln begonnen. Er nahm wahr, wie sich Meron in sein Gesichtsfeld schob und Aufmerksamkeit an sich reißen wollte. Aber er sah auch, wie sich neben ihm Akaraon Gwellsing von ihm abwandte und Arane zu...
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Wurde umgesetzt. Das System wurde dazu so erweitert, dass man nur eine Kapuze aufsetzen kann (man könnte ja theoretisch Umhang, Robe und noch ein paar andere Dinge anhaben und alle Kapuzen hochklappen wollen).
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Nach einer Weile wird ein Schreiben bei Luna am Hof hinterlegt werden.
Der Inhalt lautet wie folgt:
Avia zum Gruße Meisterin Luna,
aus Sicht der Zunft spricht nichts gegen eine derartige Neuorientierung. Jedoch verhält es sich so, dass die Höfe an sich zur Kirche Avias gehören.
Somit wäre notwendig sich mit der Kirche zu befassen und eben jenen eine Erlaubnis abzuringen.
Für eine aviafürchtige Bäuerin vom Meisterrang in der Zunft sollte dies jedoch lediglich eine kleine Formailität sein.
Es kann davon ausgegangen werden, dass die Kirche ein solches Gesuch sehr wohlwollend aufnimmt.
Für die Zunft,
Theophilius Stavar,
Zunftsekretär
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Takamas Atem, irgendwo fern, verlor sich für Amin. Die Welt, so wie er sie kannte mit Wärme, Gewichten und Grenzen war zerfallen wie ein verbranntes Blatt im Wind.
Er wiederum war nicht gefallen.
Trotzdem war er nicht mehr da. Er wusste das, spürte es. Da war kein Kupferhelm mehr, auch kein Stuhl mehr und Takama war eben weg. Auch sein Körper war weg.
Da war nichtmal ein Raum.
Nur noch ein Gefühl: Amin gibt es noch. Als etwas dazwischen.
Zwischen Licht. Zwischen Dunkelheit. Gleichzeitig gab es gerade weder Licht noch Dunkelheit.
Aber etwas war da noch, es war hier keine Leere. Es war nur strukturierlos. Sein Geist konnte sich gerade zumindest keinen Reim machen, es war wie eine Isolation und Abtrennung von allem.
So ein Geist sucht nach Linien, nach Formen oder nach Mustern. Aber was er noch hatte, das war die Erinnerung an ein Muster, das nie gewesen war, aber von dem er wusste, dass es sein müsste. Ein Raum ohne Geometrie, nur aus Verhältnis und Richtung. Oben und unten gab es irgendwie nicht. Nur: Nähe und Ferne. Aber auch das war ohne Takamas Präsenz nun getrübt.
Amin existierte nur noch wie ein Ton ohne Lautstärke. Es war beklemmend, er klammerte sich an diesen Ton, interpretierte ihn als Teil von Takamas Elementarismus.
Doch dann war da eine Antwort. Eine ohne Klang und ohne dass er sie sah, fremde Gedanken.
"Du bist in der Brücke."
"Du warst Schnittstelle, nicht Schale."
"Jetzt fließt es durch dich."
Amin wollte fragen, aber hatte keinen Mund. Also stellte er eigene Gedanken in den Raum. So gut er konnte.
Und erhielt Bedeutung zurück, wie eine Verknüpfung.
Er hatte eine Seele und jetzt hatte er eine Frequenz. Kam das von der Maschine? Das wollte er doch sozusagen messen.
Aber er verstand nun: Er war ein Moment zwischen zwei Sphären: Licht, Wachstum, Impuls oben - und Stille, Zerfall, Rückkehr unten. Und in diesem Moment war er durchströmt worden. Gekreuzt.
Etwas hatte sich abgelegt.
Aber es war weder ein Wesen, noch ein Geist.
Ein Schatten. Ein Schatten seiner selbst, wie die Negativspur einer Bewegung.
"Du bist Träger des Zwischenmusters."
"Du kannst sehen, wo andere fließen."
"Und du kannst, wenn du willst... den Fluss ändern."
Amin verstand nicht alles, aber er wusste, dass das, was er gesehen hatte in der Maschine, die Kristalle, die Leuchten, die Vibration, nichts als oberflächliche Repräsentationen gewesen waren. Die Wahrheit lag darunter, dort, wo Essenz sich noch nicht entschieden hatte.
Er war jetzt berührbar dafür.
Dann flackerte etwas. Der Beginn eines Formverlustes. Seine Rückkehr?
Der Raum schloss sich nicht. Er war ohnehin für seinen Geist nicht greifbar, es war eine Faltung oder Auflösung, wenn er ein Wort dafür suchen müsste.
Und Amin begann jetzt zu fallen, soetwas wie Richtung gab es aber immer noch nicht.
Der Rauch aus dem Helm war fast verzogen. Takama kniete neben ihm, die Hand noch immer ausgestreckt. Sie war erschrocken, wachsam und etwas panisch. Ihre Lippen bewegten sich.
Amin konnte noch nichts verstehen. Fluchte sie? Zeterte sie?
Amin hatte die Augen aufgeschlagen.
Sie waren normal, wie immer. Aber in ihnen lag ein Hauch von Tiefe, der vorher nicht da gewesen war. Er war etwas blass.
Er sprach nicht sofort. Er konnte es nicht, denn ein Teil von ihm lauschte noch.
Nach Stimmen? Aber es waren doch keine Stimmen, es waren fremde Gedanken. Er hing dem nach.. lauschte weiter.
Nach Restenm, nach Bewegungen. Nach Echos von Dingen. In der Maschine war es noch da, er war davon überzeugt, mindestens ein winziges Fragment, wie ein Schatten, klebend an den Kupferleitungen. Ein Flüstern ohne Silben.
Amin hob langsam die Hand. Die Kupferkette klirrte kurz, als ersten Laut, den er erzeugte.
Dann blickte er zu Takama. Und flüsterte mit trockenem Mund und trockener Stimme:
"Ich habe sie gesehen. Die Struktur unter der Haut. Nicht aus Fleisch und auch nicht aus Licht. Nur... den Fluss.“
Takama starrte ihn an. Ihre Augen weiteten sich. Sie hatte es selbst gespürt. Sie hatte ein seltsames und unerwartetes Verständnis.
"Ich kann sie lesen", sagte Amin. "Ich glaube, ich kann sie auch ändern."
Sie begleitete ihn ins Heilerhaus. Dort schlief er letztendlich ein, nachdem nichts weiter an ihm festgestellt wurde, was irregulär gewesen wäre. Körperlich schien er in guter Verfassung...
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Harek steht vor dem flackernden Licht des Lagerfeuers, das Papier hält er in den Händen. Ein paar Eisläufer hatten es gesehen, aber keiner sprach ein Wort. Nur Tharun trat näher und warf einen Blick auf das Papier.
Tharun raunte: „Dat war keine Nordhexe. Nicht so. Nicht... so kalt.“
Harek lächelte schief ohne den Blick vom Brief zu nehmen. „Ney. Des Eis, es hat viele Gesichter.“
Er macht Pause. Dann sprach er ruhig weiter. „Se willn Treffen. Und se schickt nen Untoten, damit ey weiß, dass sie kann. Oder dass se jemanden kennt, ders kann.“
Er las nochmal langsam den Brief, fast genießerisch. „Einladungen aus Tod und Knochen... Was für ein Geschmack.“
Tharun hob fragend eine Braue.
Harek sprach weiter ohne darauf einzugehen. „Vielleicht will se nur redn. Vielleicht will se wissen, ob mein Blut wirklich warm ist.“
Er sah erst zu seiner Sichel, dann zu den Wäldern, die sich in einiger Entfernung nördlich befanden. Bäume, deren Shilouetten durch den Puverschnee tragenden Wind, fast wie in einer Nebelwand durchschienen. „Oder se will rausfinden, ob se brennen kann, ohne dass se schmilzt.“
„Gehste, aye?“
Harek wurde leiser. „Ey wär dumm, würd ey ney.“
Er trat vom Feuer zurück, seine Stimme wurde tiefer, beiläufiger. Fast warnend. „Manchmal sin Hexen neugieriger als gesund. Und manchmal... da willst wissen, wies klingt, wenn se bitten.“
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Es begann mit den Jägern.
Zwei Männer aus dem Bärenclan, deren Namen man sonst nicht kannte, kamen in der Dämmerung ins Dorf. Schnee hing schwer in ihren Bärten, ihre Stiefel waren rissig, und einer von ihnen trug den linken Arm in einem provisorischen Verband – tatsächlich nicht von einem Feind, sondern vom eigenen Sturz im vereistem Geröll. Die Sprengungen hatten Nachwirkungen.
Sie sprachen leise, wie Männer, die etwas gesehen hatten, das größer war als Worte.
„De kamen aus de Nordbiegung. Übers Meer, fast bei de Orks.“
„Ey sah, wie de Nebel wich, als die da durchliefen.“
Das Feuer in der Bärenhöhle knisterte. Bauern, Heiler, Schmiede – alle hörten zu, wie die Männer ihre Geschichte wiederholten. Und bei jedem Mal klang sie klarer, kälter, glaubhafter.
„Eisläufer. Vierzig. Vielleicht mehr.“
„Sie... säuberten.“
„De Toten, de sich dort gesammelt hatten – Splitter der Horde, versprengte Schatten – wurden zerschlagen.“
„Die nutzen keyne Magie. Sie sangen keyne Lied. Aber die ließen nix zurück, das sey hätte erheben können.“
Der Name Harek Sturmwolf fiel irgendwann. Einer der Alten murmelte ihn, als hätte er das Echo eines Kriegerspiegels gehört.
„De Bastard?“
„De Freie Wolf.“
Man war sich uneins. Doch die Kunde selbst ließ sich nicht zurücknehmen. Die Eisläufer rückten an – sie waren keine Armee, sondern ein Zeichen, das sich in die Gedanken der Menschen einbrannte.
Ein alter Mann mahnte zur Vorsicht.
Denn niemand im einfachen Volk wusste, warum sie den Umweg Richtung Bärenclan nahmen.
Und niemand wusste, ob sie wirklich kamen – oder nur zeigten, dass sie es könnten.
„Ey kenn den, den Harek“, die Stimme des Alten erhob sich.
Das Schweigen nach dem Bericht der Jäger hielt nicht lange. Es war der alte Gunnvar, der es zuerst brach – ein zahnloses Lächeln in einem wettergegerbten Gesicht, dessen Augen noch so lebendig blitzten wie das Feuer, das er sich näher heranzog.
„Harek Sturmwolf, sagts? Tss. Ey hab dem nochn Arsch versohlt, als er kaum kniehoch war, de Bengel.“
Ein paar der Jungen lachten. Nicht, weil sie ihm glaubten, sondern weil Gunnvar eben Gunnvar war.
„War’n Bastard, ja – aber keyner, der kauert. De hat schon als Bub den Wind angeschrien, wenn’s zu still war. Und weisst, warum de dem folgen, de Eisläufer? Ey sag's. Weil nicht er sey gesucht hat – de Sturm hat den gerufen.“
Einige der Umstehenden rückten näher ans Feuer.
„Der war kaum zwanzig Winter alt, als eyn großer Orkan kam. Eyner, wo alle dachten, die Weberin selbst trennt die Berg. Und Harek? Is raus. Mit bloße Füßen inne Schnee. Stand er da, ganz allein, aufm Grat, de Arme ausgestreckt, als wär der selber de Blitz.“
Er machte eine Geste – weit, wie das Kreuz des Nordens.
„Und dann – de Schlag. Ein Blitz, so nah, dass de Wölfe verstummten. Und er? Hat nicht mal gezuckt. Nicht gefallen. Nur dagestanden. Und dann gelacht. Nur ein Lachen. Deshalb nennen de Eisläufer den den Erwählten des Sturms.“
Gunnvar senkte die Stimme, und das Feuer knackte in der Pause wie zur Bestätigung.
„Die Eisläufer? Die glauben nicht an Blutlinien. Die glauben an Zeichen. Und wennde mit de Sturm redest und lebend zurückkommst – dann biste du des Zeichen.“
Ein paar der jungen Wachen wechselten Blicke. Ob es wahr war oder nicht – es klang wie etwas, das sich selbst glaubte.
Gunnvar lehnte sich zurück, grinste breit und zeigte dabei drei schlechte Zähne.
„Er hat ney nur überlebt. Er hat de Sturm gezähmt. Und jetzt kommt er, weil er herrschen will. Weil er brennt wie die – aber nach innen. Und weil er ihnen eyn Ziel gegeben hat. Keyn Geld, keyne Beute oder Rache. Sondern Richtung!“
Ein paar nickten langsam. Andere schüttelten den Kopf.
Aber keiner widersprach.
Und in der Dunkelheit, zwischen den Funken des Feuers, wirkte die Geschichte fast wie Wahrheit.
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Hi,
das Forum hat ein Update erhalten und wurde etwas "aufpoliert". Einfach mal nachsehen, ob noch alles geht, wie es soll bei Gelegenheit.
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Der Schnee lag schwer auf den Pfaden, als die Männer des Wolfsclans sich an die vorbereiteten Stellen begaben. Sie waren nur viele Atemwolken im schwachen Frost und das Knirschen ihrer Stiefel auf vereistem Gestein.
Der erste Trupp, drei Männer mit dunklen Wolfsmasken, erreichte den westlichen Pass zur Wolfsstadt bei Morgengrauen. Die Sonne war nicht mehr als ein matter Schein hinter den Wolken, als sie die Flaschen an den Felsspalten setzten. Rotviolette Flüssigkeit, verkorkt, wurde in vorbereitete Ritzen geschoben - der Abstand war wichtig für die Kettenreaktion.
Keiner sprach. Die Arbeit war bekannt, geübt, notwendig. Und... nunja, vorsichtig sollte man auch sein.
Ein kurzer Pfiff, dann Stille.
Der Fels donnerte. Es war nichts am Bersten, sondern ein führte zu einem tiefen Grollen, als würde der Berg selbst seufzen. Dann stürzten die Massen – eine kontrollierte Lawine aus Stein, Erde und Schnee. Der Pass war verschlossen. Endgültig.
Der zweite Trupp arbeitete zeitgleich am Pfad vom alten Friedhof. Hier war der Schnee tiefer, die Bäume schwer beladen vom Schnee und schief wie vergessene Grabwächter. Auch hier: präzise Sprengpunkte, gezielte Ladung, minimale Verzögerung.
Die Felswand löste sich mit kalter Eleganz, wie ein Messer, das durch altes Fleisch glitt. Der Zugang war binnen Sekunden unter Tonnen von Schutt begraben.
Die Männer schwiegen.
Doch einer, der letzte, ein älter Wachmann namens Gjafvaldr, blieb einen Moment länger stehen. Er blickte in den Nebel aus Schnee und Gestöber, der sich langsam in die Bresche legte, als hätte der Berg selbst einen Vorhang gezogen. Seine grausträhnigen Brauen zogen sich über seinen Augen zusammen und die Stirn bildete Furchen.
Etwas war da.
Geräuschlos. Ohne Schatten.
Aber das Gefühl, dass etwas blickte... nicht aus der Höhe, sondern von unten. Von dort, wo nun Fels und Frost lagen.
Gjafvaldr sog scharf die Luft ein, aber sagte nichts.
Er zog die Maske tiefer ins Gesicht und ging.
Hinter ihm senkte sich der Nebel.
Und etwas im Wind lauschte.
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